Februar


29.Februar 2012


Harmonie-Schwäche

 

Geliebte Lesende, geliebter Lesender,

 

 ich glaub’, mir ist egal, wer der neue Bundespräsident wird. Mir ist auch egal, daß heute dem Jahr ein Tag mehr als normal eingeschenkt wird. Sogar daß die „Wanderhure“ gestern bei Sat1 Spitzenquoten eingefahren hat, geht mir an allem vorbei, was sich auch nur in der Nähe dessen befindet, was nun hier eigentlich verbalisiert gehört.

 

 Fast schon peinlich, daß mir so vieles wurscht ist. Mitten in der Fastenzeit. Die mir aber auch wurscht ist.

 

 Was hat man mir denn ins fettige Essen getan, daß ich mich nicht mehr so richtig aufregen kann? – Koffein???

 

 Ok., als ich in den vergangenen Tagen bemerkte, daß Leipzig mit TV-Werbung für die „Wanderhure“ zugekleistert war, machte ich mir schon Gedanken, wie denn Eltern ihren Rangen erklären sollten, was das ist: Wandern.

 

 Ja, daß Wulff bei mir Fremdschämen auslöste, gebe ich zu. Bei Gauck wird es aber nicht anders sein. Ein ungewaschener Präsident, der gern mal öffentlich weint…

 

 Ich brauche keinen Präsidenten, und das, obwohl man brauchen ohne „zu“ nicht gebrauchen soll. Aber selbst das geht heute ja allen am Arsch vorbei. Huch, jetzt hab’ ich’s doch geschrieben.

 

 Fasten? – Aber bitte. Nur ich nicht. Warum auch? Für mich ist jeder Tag, den ich mit Kaffee beginne, ein Tag der Tage. Jedes Mahl läßt meine Geschmacksknospen in die Hände klatschen. Jedes kleine Bier macht mich groß und größer. Und jeder Kakao.

 

 Jetzt ist es raus: Ich bin selbst im hohen Alter von weit über 30 noch Kakao-Trinker.

 

 Das ist a) peinlich und mir b) wurscht. Also nicht, daß ich gern Kakao (kalten!) trinke, sondern daß das peinlich ist.

 

 Der Frühling steht übrigens vor der Tür. Auch das ist mir w…, nee, da freu ich mich denn doch. Kaum zu glauben, daß sich meine Lebenslust noch potenzieren läßt, aber ich bin mir sicher: Potenz-Probleme harren meiner erst in ferner Zukunft. – Im Herbst…?

 

 Dann hat übrigens das neue Programm mit Herrn R. Premiere, das mittlerweile wohl „Schamlose Charmeure“ heißen wird. Komisch, der Programmtitel ändert sich fast täglich.

Gestern hieß es noch „Begnadete Beglücker“. Naja, irgendwas Schüchternes, Zurückhaltendes soll es halt sein.

 

 Jetzt fehlen nur noch ca. 15 neue Lieder.

 

 Das kann mir nicht wurscht sein. Mir, dem Dichter.

 

 Dichter! So sollen sie sein, die kommenden Texte. Dichter und prägnanter. Weltverbessernder. Die Mißstände anklagend und die Schuldigen gnadenlos benennend und ans Licht der Öffentlichkeit zerrend. Dem Kapitalismus die Maske vom Gesicht reißend.

 

 So soll es sein.

 

 Und wie wird’s: Sehr albern, sehr selbstverliebt, sehrcomic sans ms,sand bekloppt. Und zwei, drei Liebeslieder. Ach, laß es vier werden. Mir ist grad so. Irgendwie.

 

 ´s kann am Frühling liegen. Oder an Herrn W. Oder an Herrn D. Oder an den Hormonen.

 

 Einer der republikanischen Präsidentschafts-Kandidaten ist ja Hormone. Oder so. Schon seltsam. Das ist dort ´ne Glaubensrichtung. Und ´ne Kirche.

 

 Diese Amis!!! Faustdick haben die’s hinter den – und hier kann nun jeder ein Körperteil seiner Wahl einfügen.

 

 „Harmonische Hormonisierer“ wäre auch ein schöner Programm-Titel… Kommt Zeit, kommt Titel!

 

Harmonische Grüße von

 

Jürgen




12.Februar 2012


Über-Flieg…, äh, -Fahrer

 

Geliebte Lesende, geliebter Lesender,

 

 wir haben gesiegt, sie hat verloren. Also die Kälte, die alte Säckin. Ab heute heißt es für sie: „Ab bis demnächst!“ Und wir alle hoffen, daß „demnächst“ nicht so bald ist.

 

 Himmel, ich habe den Wohnbereich tagelang nicht verlassen, immer versucht, die Gitarre zu wärmen, und sämtliche Rendezvous zu mir nach Hause verlegt. Das sieht jetzt aus bei mir…

 

 Wird Zeit, daß wieder Outdoor-Treffen angesagt sind.

 

 Indoor sangen am Freitag N. und ich in Bad Karlshafen, und wir hatten einen Riesenspaß. Nun gut, in dieser Stadt stehe ICH im Goldenen Buch, also meine Unterschrift. Was ja nichts anderes bedeutet, als daß ICH für Bad Karlshafen sowas bin wie Lenin für die DDR. Aber N. mußte sich dort sein Publikum erst erspielen. Gnadenvoll lieh ich ihm ein bißchen meiner „Glanz“ genannten Bühnen-Präsenz – und schon hatte er sie, die Bad Karlshafener. Und sie ihn. Und uns.

 

 All das wäre beinah nicht passiert, denn am Mittag des gleichen Tages überfuhr ich mal eben so meine Gitarre. ICH!!! Ok.: ich.

 

 Bienenfleißig wie immer verstaute ich vorher all die technischen Utensilien samt meines Schminkkoffers in der Selbstfahrlafette. Und dann überkam mich das große Stauen: noch soviel Platz! „Na, da wird sich N. aber wundern, wie toll ich diesmal gepackt habe“, dachte ich noch und stellte mir dessen anerkennenden Blick vor, wenn er seinen ganzen Kladderadatsch in meinem Auto zu verstauen anhebt.

 

 Mir selbst mit einer imaginären dritten Hand aufs Schülterchen klopfend, setzte ich das Automobil in Gang, gab Gas und … bremste abrupt. Besser gesagt: Ich wurde gebremst. Von unangenehmen Geräuschen. „Krzbrzknnnrzz“ oder so…

 

 Ha, so klingt es, wenn man eine Gitarre überfährt, wurde mir sofort klar, denn ich hatte es wieder eingeschaltet, mein Kurzzeitgedächtnis. In dem war nämlich verankert, daß ich, kurz bevor ich den Boliden belud, meinen Gitarrenkoffer vors Wägelchen plaziert hatte, um hinter jenem ausgiebig werkeln zu können.

 

 Freude durchströmte mich: Nein, ich bin nicht Rudi Assauer! Ich kann mich erinnern!! Wenn auch spät…

 

 Auf Zehenspitzen verließ ich den Vierrädler und schaute, wie’s mir im Sozialismus gelehrt wurde, nach vorn. Ok., vorher hatte ich die schmutzig-goldene Karre wieder nach hinten kutschiert.

 

 Da lag es: mein Gitärrchen. Ummefallen. Total ummefallen. Ummefahren!!!

 

 Aber es lag IM KOFFER. Jener zeigte einige Blessuren mehr als noch Minuten zuvor, aber er erwies sich als das, was er gar nicht ist: als Hartschale.

 

 Dieser Koffer rettete meiner Gitarre das Leben. Ein Lebensrettungs-Köfferchen.

 

 Ich weiß nun, was zu tun ist, wenn mir irgendwann mal ein Zusammenstoß droht: Ab in den Koffer! Und ab heute gilt: Immer den passenden Koffer am Mann!

 

 Ok., schon einen Tag später verstieß ich gegen meine neue Lebensregel, denn ich fuhr ohne Koffer los. Aber das hatte seinen Grund, denn: Ich lies fahren! W. bugsierte mich, gewohnt sicher und gekonnt, fast nach Polen, gab seinem Wagen aber kurz bevor wir den Todesstreifen durchbrachen einen gekonnten Rechtsdrall und landete pünktlich samt meiner vor der dortigen „Kunst-Mühle“.

 

 Fröhlich musizierten wir gemeinsam, speisten und brachen dann. Auf. Gen Heimat.

 

 Herr R. chauffierte, ich sinnierte. Träumend. Ich Penner.

 

 Frisch wie ein Pennäler kam ich dann in Leipzig wieder zu mir, verabschiedete mich mit einer langen, tiefen und innigen Umarmung von W. und wußte: Das wird ihm das Wochenende versüßen.

 

 Denn ein paar Wochenenden habe ich noch. Dann aber, am FRAUENTAG, am 8.März ist es soweit: ein Festtag fürs Orthopädie-Gewerbe steht an. Nicht ich komme, aber mein Knie kommt unters Messer. Wollen wir hoffen, daß es a) und scharfes und b) ein sicher geführtes Messer ist, das da amputiert, sprich den eingeklemmten Innenmeniskus… Aber das ist privat!

 

 Nicht privat halten wollen wir aber, daß es dann einen doppelten Festtag geben wird, den 10.März. Ja, W. hat an diesem Tag wie schon immer Geburtstag, doch, ach, ICH werde an jenem Tag, welcher jahrelang dem Alkohol und der damit verbundenen Frage, warum sich gerade am 10.März IMMER ALLES um Herrn R. und mal nicht um mich dreht, vorbehalten war, aus dem Krankenhaus entlassen.

 

 Auch mit Krücken schön sein – so lautet dann meine Hauptaufgabe für den nächsten Lebens-Abschnitt. Und schön singen! Denn bereits am 12.März musizieren W. und ich wieder.

 

 Mal sehen, wie Herr R. mich auf die Bühne bugsiert und es mir dort gemütlich einrichtet. Ich weiß auch noch gar nicht, ob ich mein Bein dann hochlegen muß bzw. wie ich dann singen und Gitarre spielen soll. Es wird ein Abenteuertag. Wie bislang eigentlich jeder in meinem sich dem zweiten Lebensabschnitt (von zehn) näherndem Dasein.

 

 Ich habe zwei Kollegen, die mich dann tagtäglich bedienen müssen, nicht aber mich in den Schlaf singen dürfen. Denn beide singen sie eigentlich schön bis sehr schön. Das aber DULDE ICH NICHT!!!! Und so könnte ich selbst bei einem allerliebst vorgetragenen Schlummersong nicht pennen, denn Neid und Mißgunst würden an mir nagen.

 

 Sollten jedoch weibliche Wesen der Spezies Mensch irgendwann mal einen auf Nagetier machen wollen, bin ich durchaus in der Lage, Toleranz walten zu lassen.

 

 Tolerante Grüße von

 

Jürgen




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