12.Februar 2012


Über-Flieg…, äh, -Fahrer

 

Geliebte Lesende, geliebter Lesender,

 

 wir haben gesiegt, sie hat verloren. Also die Kälte, die alte Säckin. Ab heute heißt es für sie: „Ab bis demnächst!“ Und wir alle hoffen, daß „demnächst“ nicht so bald ist.

 

 Himmel, ich habe den Wohnbereich tagelang nicht verlassen, immer versucht, die Gitarre zu wärmen, und sämtliche Rendezvous zu mir nach Hause verlegt. Das sieht jetzt aus bei mir…

 

 Wird Zeit, daß wieder Outdoor-Treffen angesagt sind.

 

 Indoor sangen am Freitag N. und ich in Bad Karlshafen, und wir hatten einen Riesenspaß. Nun gut, in dieser Stadt stehe ICH im Goldenen Buch, also meine Unterschrift. Was ja nichts anderes bedeutet, als daß ICH für Bad Karlshafen sowas bin wie Lenin für die DDR. Aber N. mußte sich dort sein Publikum erst erspielen. Gnadenvoll lieh ich ihm ein bißchen meiner „Glanz“ genannten Bühnen-Präsenz – und schon hatte er sie, die Bad Karlshafener. Und sie ihn. Und uns.

 

 All das wäre beinah nicht passiert, denn am Mittag des gleichen Tages überfuhr ich mal eben so meine Gitarre. ICH!!! Ok.: ich.

 

 Bienenfleißig wie immer verstaute ich vorher all die technischen Utensilien samt meines Schminkkoffers in der Selbstfahrlafette. Und dann überkam mich das große Stauen: noch soviel Platz! „Na, da wird sich N. aber wundern, wie toll ich diesmal gepackt habe“, dachte ich noch und stellte mir dessen anerkennenden Blick vor, wenn er seinen ganzen Kladderadatsch in meinem Auto zu verstauen anhebt.

 

 Mir selbst mit einer imaginären dritten Hand aufs Schülterchen klopfend, setzte ich das Automobil in Gang, gab Gas und … bremste abrupt. Besser gesagt: Ich wurde gebremst. Von unangenehmen Geräuschen. „Krzbrzknnnrzz“ oder so…

 

 Ha, so klingt es, wenn man eine Gitarre überfährt, wurde mir sofort klar, denn ich hatte es wieder eingeschaltet, mein Kurzzeitgedächtnis. In dem war nämlich verankert, daß ich, kurz bevor ich den Boliden belud, meinen Gitarrenkoffer vors Wägelchen plaziert hatte, um hinter jenem ausgiebig werkeln zu können.

 

 Freude durchströmte mich: Nein, ich bin nicht Rudi Assauer! Ich kann mich erinnern!! Wenn auch spät…

 

 Auf Zehenspitzen verließ ich den Vierrädler und schaute, wie’s mir im Sozialismus gelehrt wurde, nach vorn. Ok., vorher hatte ich die schmutzig-goldene Karre wieder nach hinten kutschiert.

 

 Da lag es: mein Gitärrchen. Ummefallen. Total ummefallen. Ummefahren!!!

 

 Aber es lag IM KOFFER. Jener zeigte einige Blessuren mehr als noch Minuten zuvor, aber er erwies sich als das, was er gar nicht ist: als Hartschale.

 

 Dieser Koffer rettete meiner Gitarre das Leben. Ein Lebensrettungs-Köfferchen.

 

 Ich weiß nun, was zu tun ist, wenn mir irgendwann mal ein Zusammenstoß droht: Ab in den Koffer! Und ab heute gilt: Immer den passenden Koffer am Mann!

 

 Ok., schon einen Tag später verstieß ich gegen meine neue Lebensregel, denn ich fuhr ohne Koffer los. Aber das hatte seinen Grund, denn: Ich lies fahren! W. bugsierte mich, gewohnt sicher und gekonnt, fast nach Polen, gab seinem Wagen aber kurz bevor wir den Todesstreifen durchbrachen einen gekonnten Rechtsdrall und landete pünktlich samt meiner vor der dortigen „Kunst-Mühle“.

 

 Fröhlich musizierten wir gemeinsam, speisten und brachen dann. Auf. Gen Heimat.

 

 Herr R. chauffierte, ich sinnierte. Träumend. Ich Penner.

 

 Frisch wie ein Pennäler kam ich dann in Leipzig wieder zu mir, verabschiedete mich mit einer langen, tiefen und innigen Umarmung von W. und wußte: Das wird ihm das Wochenende versüßen.

 

 Denn ein paar Wochenenden habe ich noch. Dann aber, am FRAUENTAG, am 8.März ist es soweit: ein Festtag fürs Orthopädie-Gewerbe steht an. Nicht ich komme, aber mein Knie kommt unters Messer. Wollen wir hoffen, daß es a) und scharfes und b) ein sicher geführtes Messer ist, das da amputiert, sprich den eingeklemmten Innenmeniskus… Aber das ist privat!

 

 Nicht privat halten wollen wir aber, daß es dann einen doppelten Festtag geben wird, den 10.März. Ja, W. hat an diesem Tag wie schon immer Geburtstag, doch, ach, ICH werde an jenem Tag, welcher jahrelang dem Alkohol und der damit verbundenen Frage, warum sich gerade am 10.März IMMER ALLES um Herrn R. und mal nicht um mich dreht, vorbehalten war, aus dem Krankenhaus entlassen.

 

 Auch mit Krücken schön sein – so lautet dann meine Hauptaufgabe für den nächsten Lebens-Abschnitt. Und schön singen! Denn bereits am 12.März musizieren W. und ich wieder.

 

 Mal sehen, wie Herr R. mich auf die Bühne bugsiert und es mir dort gemütlich einrichtet. Ich weiß auch noch gar nicht, ob ich mein Bein dann hochlegen muß bzw. wie ich dann singen und Gitarre spielen soll. Es wird ein Abenteuertag. Wie bislang eigentlich jeder in meinem sich dem zweiten Lebensabschnitt (von zehn) näherndem Dasein.

 

 Ich habe zwei Kollegen, die mich dann tagtäglich bedienen müssen, nicht aber mich in den Schlaf singen dürfen. Denn beide singen sie eigentlich schön bis sehr schön. Das aber DULDE ICH NICHT!!!! Und so könnte ich selbst bei einem allerliebst vorgetragenen Schlummersong nicht pennen, denn Neid und Mißgunst würden an mir nagen.

 

 Sollten jedoch weibliche Wesen der Spezies Mensch irgendwann mal einen auf Nagetier machen wollen, bin ich durchaus in der Lage, Toleranz walten zu lassen.

 

 Tolerante Grüße von

 

Jürgen

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