17.Juli 2011


Tor-Wart

 

Geliebte Lesende, geliebter Lesender,

 

 das Tor war wie vernagelt!

 

 „Ha, jetzt kommt er uns auch noch mit dem Mädchen-Fußi!“ denkt ihr, meine Herzchen, und irrt.

 

 Denn vor dem Tor stand der Tor. Und das bin im Zweifelsfall immer ich. Euer Halbgott…

 

 Das Tor war das meiner Garage. Und in der Garage stand mein Auto. Es war 22 Uhr am Montagabend.

 

 Soweit, so normal. Normal war auch, daß ich vom Balkon der Nachbarn herunter noch zum Biere geladen wurde, als ich zwei Minuten vorher, vom Squash kommend, auf den Hof brauste. Erst schüchtern ablehnend, dann aber doch durstig zustimmend, laberte ich gen Balkon im zweiten Stockwerk, dabei meine Sporttasche und ´nen Wasserkasten aus dem Auto wuchtend.

 

 Schnell noch das Schlüsselbund geschnappt, mit dem entsprechenden Metallgebilde das Garagentor geöffnet, Auto rein, Tor zugedrückt, und ab ins…

 

 Ja, wie kommt man ins Haus, wenn das Schlüsselbund noch im Auto auf dem Beifahrersitz liegt?

 

 Nur gut, daß ich den Autoschlüssel in der Sporthosen-Tasche hatte. Ja, da kenn’ ich nix. Ich bin ein Filou!

 

 Nur schlecht, daß der Garagenschlüssel am Schlüsselbund herumlungerte, mir also mein Autoschlüssel nichts nutzte. Naja, „nichts“ ist übertrieben: Ich konnte mit ihm durch das Tor hindurch mein Auto öffnen und wieder verschließen. Ja, nennt mich Zauberer…

 

 Ok., ich kam nicht an mein Schlüsselbund. Was tun?

 

 Erstmal eine ADAC-Karte zerwürgen, denn mit der versuchte ich – WIE IM FERNSEHEN! – das massive Tor zu öffnen. Wie ein Profi! Nur leider nicht erfolgreich. Mein Nachbar, ja, der mit dem Bier (Und der Oboe!), half. – Ein Versager!

 

 Da aber fiel es mir ein: Meine Haushaltshilfe! Jaha, ich hab’ sowas, bin ja auch schon ein bissel gebrechlich…

 

 Sie hat ´nen Haus- und Wohnungsschlüssel. Und wohnt nicht weit weg. Ich habe die Adresse und die Telefon-Nummer. Juhu!

 

 Leider befinden sich beide, sorgsam notiert, auf einem Zettel, der an meinem Kühlschrank an-magnetisiert ist, denn unser Putzvertrag ist noch ziemlich neu. In mein Handy-Telefonbuch hat’s die Nummer noch nicht geschafft.

 

 Naja, man kann nicht immer Glück haben im Leben.

 

 Darf man nach 22 Uhr noch den Grundstücksverwalter anrufen, um ihn um einen zusätzlichen Garagenschlüssel anzubetteln? Man darf!

 

 Er aber darf sein Handy um diese Zeit schon ausgeschaltet haben…

 

 Hat er auch.

 

 Naja.

 

 Schlüssel-Notdienst… - Oje, da hört man schlimme Sachen…

 

 Mittlerweile in der Nachbarswohnung im Telefonbuch blätternd, entschied ich mich für die annoncierte 28-Euro-Sofort-Türöffnung, noch dazu ´ne Firma hier direkt aus Leipzig-Gohlis.

 

 Die wollten mir helfen. Für 134 Euro. Ich lehnte ab. Nicht mal dankend.

 

 Ha! Es gab noch etliche andere Firmen, die das Sprengen einer verschlossenen Pforte für um die 30 Euro feilboten.

 

 Gelesen, gewählt.

 

 Die gleiche Stimme am Telefon, der gleiche Preis. 134 Euro.

 

 Nicht mit mir!!!

 

 Nächste Nummer.

 

 Gleiche Stimme, gleicher Preis und: „Sie bekommen um diese Zeit immer mich! In der Nacht gibt es nur mich!“

 

 Ich kotzte, fluchte und nahm ihn. Winselnd.

 

 Wartend trank ich auf des Nachbarsbalkon dessen Billig-Bier… Ja! ICH, der ich gleich verarmen würde, wurde von ihm mit einem Bier namens „Spaten“ abgefertigt. Er dagegen trank „Spaten-PREMIUM“… - Mit diesem Musiker-Ehepaar bin ich fertig. Denen half auch nicht, daß sie mir zu erklären versuchten, mein Bier käme aus dem Kühlschrank, das seine nicht…

 

 Ausreden…

 

 ´ne halbe Stunde später war der Schlüssel-Gott da. Nicht der vom Telefon, sondern sein Sklave. Aber ein sympathischer…

 

 „Wenn wir Glück haben“, meinte er, „geht das ruckzuck!“

 

 Wir hatten kein Glück.

 

 Das Garagentor ist, zugegebenermaßen, massiv. Seine Werkzeuge waren es, überraschenderweise, nicht. Sie verbogen sich. Eins nach dem anderen. Ich bog mich mit. Vor (verzweifeltem) Lachen.

 

 Mein Nachbar, der welcher das teure Bier nur so in sich hineingeschüttet hatte, gab gute Ratschläge… Beflügelt vom Premium-Getränk! Anstatt sich zu schämen…

 

 Als alle Werkzeuge, und derer waren es viele, verbogen waren, griff der Torist zum Bohrer. Seitlich ran ans Schnappschloß und schwupps!

 

 „Seitlich ran“ klappte sehr gut. „Schwupps“ fiel aus.

 

 Die Turm-Uhr schlug 23.30 Uhr. Ich hatte immer noch meine durchgeschwitzten Sportsachen an, sah darin zwar wie immer toll aus, roch aber wohl nicht mehr ganz so gut. „In drei, vier Tagen bin ich ranzig!“ schoß es mir durch den Kopf.

 

 Der Torero wollte nun direkt bohren. Von vorn. Er wollte es wissen!

 

 Er bohrte. Und bohrte. Und bohrte. Und dann … fummelte er im Loch rum, stöhnte, verkrümmte sich (Ich wollte ihm schon ein Taschentuch reichen.), doch dann … war’s wieder nix. – „Ich komm nicht ran!“ erklärte er, durchaus verzweifelt, seinen Interruptus.

 

 Dann brachte er die Variante mit dem Schloß-Aufbrechen ins Spiel. Würde mich aber noch mal 50 Euro für ein neues Schloß kosten… Bin ich ein Schloß-Herr???

 

 Mein Premium-Nachbar, dem nun langsam schwante, wie sehr er mich verletzt hatte, versuchte sich durch die Bemerkung, er hätte irgendwo noch ein Schloß und könne es doch mal suchen, wieder bei mir einzuschleimen. Ich aber zeigte ihm die leicht ranzige, aber durchaus schon kalte Schulter.

 

 Konsequent bis in den Tod – anders kenne ich mich nicht…

 

 Dann aber kam’s! Bei keinem von uns Dreien, aber beim Tor. Mein Noch-Nachbar (Ich werde die Familie aus dem Haus ekeln…) und ich warfen uns mit aller Macht gegen den Garagen-Eingang-Versperrer, während der Herr der Tore mit allerm, was er hatte, im mittlerweile mittels eines größerer Bohrers zu Tunnelgröße ausgefriemelten Bohrloch fummelte.

 

 Schwupps!

 

 Mitternacht!

 

 Und das Tor war auf.

 

 Sogar die Bohrschäden hat der liebe Mann wieder verkittet.

 

 Stolz und mit meinen 134 Euro fuhr er ins Nächtle.

 

 Ich aber suchte mein Schlüsselbund auf dem Beifahrersitz meines Autos und … fand es. Alles andere hätte mich entmannt. Und das schafft sonst nichts und niemand…

 

 „Wohnung ich komme!“ denkend sowie des Nachbars Flehen „Willste noch ´n Bier auf den Schreck?“ geflissentlich überhörend, stürmte ich durchs Treppenhaus, erschloß meine Gemächer und konnte endlich duschen.

 

 Und  nachdenken.

 

 Ich werde meinen Nachbarsleuten verzeihen. Wenn sie mich in einem ihrer vielen, vielen Urlaube (Musiker…) ihre Blumen gießen lassen.

 

 Mal sehen, ob sie auf den Deal eingehen.

 

 Wer selbst PREMIUM ist, muß kein Premium trinken…

 

 Depremiumierte Grüße vom Schlüsselkind

 

Jürgen

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