9.Dezember 2010


Aus gutem Grind!

 

Geliebte Lesende, geliebter Lesender,

 

 draußen tobt Mütterchen Frost gemeinsam mit der Schlampe Schnee, und bei mir drinnen toben Kausalketten, bzw. es taute.

 

 „Huch, was möchte er uns denn heute verklausulieren?“ höre ich euch gespannt aufstöhnen.

 

 Und ihr stöhnt, wie immer im Zusammenhang mit mir, zurecht.

 

 Stöhnet und staunet:

 

 Es ergab sich vor vielen, vielen Jahren, daß der Einzug in die Leipziger Wohnung durch den Kauf eines Kühlschranks gekrönt wurde. Niemand konnte ja damals ahnen, daß Oma Dauerfrost im Dezember 2010 das Zepter des Handelns in ihre Griffel nehmen würde, um Kühlschränke lächerlich zu machen – das unnötigste Möbel an sich…

 

 Und der Kühler kühlte!

 

 Außen rot, innen kalt, nachts ein bissel laut – was ist das? Auf diese profane PISA-Frage wußten alle Kinder in dieser Welt, so sie denn über Lese-Kompetenz verfügten, nur eine Antwort: Jürgens Kühlschrank. In bestem Deutsch. Ok., bis auf die deutschen Rangen, denn bei denen hieß es: dem Jürgen sein Kühlschrank.

 

 Nun aber muß ich gestehen, daß es sich beim Kühlschrank nicht nur um einen solchen, sondern um eine Kombination aus Kühl- und Gefrierschrank handelt.

 

 Ich konnte sodann also nicht mehr nur meinen Blick einfrieren lassen.

 

 Und ich fror ein. Jahrelang! Minusgrade im zweistelligen Bereich – das ist meine Welt!

 

 Nach vielen, vielen Jahren aber, im Frühjahr des nun zu Ende gehenden Jahres 2010, packte mich der Übermut: Ich wollte verzehren!

 

 Und ich verzehrte! Mich. Nach meinem Gefrier-Gut. Denn ich kam nicht mehr ran…

 

 Zugefrorene Schubladen, „gepolstert“ von (fast) meterdickem Pack-Eis hinderten mich am Zugriff auf solche Schmeckerchen wie Fertig-Pizza oder abgelegte Haustiere…

 

 Hund, beispielsweise, soll sich ja bei -18 Grad Celsius ewig halten…

 

 Ja, ein kleiner, böser Scherz! Denn wir alle wissen: Die Katze steht dem in nichts nach! – Gleichberechtigung der Rassen! So soll es sein. - Diskriminieren ist nicht mein Ding!

 

 Essen aber auch nicht, denn, wie geschrieben, ich bekam keines der eiskalten Fächer mehr auf.

 

 Vorfreude bestimmte nun Frühling, Sommer und Herbst. Dann aber, mit dem ersten Frost dieses, nennen wir ihn beim Namen: Scheißwinters, riskierte ich es.

 

 Ich fing an abzutauen.

 

 Ich könnte ja, vermutete ich schlau, die befreite Ware solange auf dem nicht minder frostigen Balkon aufbewahren, während ich dann den angetauten Kühlkomplex gänzlich vom Pack-Eis befreie.

 

 Gesagt, getaut.

 

 Leider entfiel mir beim televisionären Belagern der Couch, daß es im unteren Gemach meiner mehr-etagigen Behausung taute.

 

 Stunde um Stunde hatte ich nachgeschaut, aber es ging nicht richtig voran.

 

 Dann schaute ich mal drei Stunden nicht – plötzlich schwamm die Küche.

 

 Eine bodenlose Frechheit!

 

 Da ich keine Putzfrau zur Hand hatte, wischte ich, zugegebenermaßen filigran, selbst. Und zwar auf. Und zwar alles.

 

 Nebenbei brach ich noch Scholle um Scholle aus dem Südpol-Double, welches mich immer noch nicht an meine einstmals ihm gutgläubig einverleibten Nahrungsmittel ließ.

 

 Dann aber - ihr ahnt es, denn wahre Helden scheitern nicht – war es geschafft.

 

 Pizzen, Hamster, Hunde und Giraffen (Ha!) waren befreit, die Küche seit langem wiedermal gewischt und trocken.

 

 Wer will, der kann!

 

 Blöd nur, daß ich am nächsten Morgen, immer noch mit leichtem Völlegefühl ob des „Hund-süßsauer“, in der eigenen Küche stolperte.

 

 Jetzt lebte das Parkett!

 

 Und das hatte ich gar nicht eingefroren, denn ich hielt es seit langem für tot.

 

 War es aber nicht, denn es bäumte sich auf.

 

 Solch einer Situation muß Mann sich gewachsen zeigen. Und ich bin ein Mann!

 

 Also zeigte ich mich gewachsen: Ich wartete ab. Tag um Tag.

 

 Mittlerweile stolperte ich nicht mehr über den Parkett-Wildwuchs, denn ich hatte die wuchernde Fläche mit einem Kasten Volvic-Wasser markiert. Ja, ich bin ein erfindungsreicher Hundertsassa…

 

Das Wunder aber blieb aus.

 

 So orderte ich denn doch Handwerker, die sich darauf verstehen sollten, kleinere Gebirgsbildungen im unteren Küchenbereich zu glätten.

 

 Und jetzt kommt’s: Alles ging glatt!

 

 Binnen einer Stunde war die Lauffläche ausgebessert und geglättet.

 

 Handwerker, die wahrlich handwerkern! Chapeau!

 

 Sie baten mich beim Verlassen meines Wohnobjekts nur, noch für zwei Stunden etwas Schweres aufs ausgebesserte Quadrat zu plazieren.

 Gebeten, getan! Ein Riesen-Blumentopf beschwerte nun nicht etwa sich, sondern den Küchenboden.

 

 Was war ich froh.

 

 Zwei Stunden später aber auch in Eile, denn Kinder harrten des Nachmittags meines Gesangs.

 

 Beim Schließen der Wohnungstür aber schoß es mir durch den Kopf: „Zwei Stunden!“ Länger sollte ich das Neu-Parkett nicht belasten…

 

 Und eben da waren die zwei Stunden um.

 

 Flugs, ach was, flügser raste ich zurück, schnappte das Ziergrün im Behälter, raste damit ums Eck ins Eßzimmer, „warf“ ihn sozusagen in gebückter Haltung an seinen angestammten Platz neben dem Schrank fürs Geglas zurück und richtete mich, in Eile, stolz, befriedigt, aber leider auch ruckartig auf.

 

 Krawumm! Und ratsch!

 

 Und aua!

 

 Blut!!!

 

 Von oben!

 

 Ich dachte erst, jetzt würde es nicht mehr nur vom Himmel schneien, sondern gar bluten, dann aber fiel mir ein: Meine Wohnung hat ja eine Decke!

 

 Clever, oder?

 

 Vom Himmel konnte all das Blut also nicht kommen, schoß es mir durch den Kopf.

 

 Und genau aus dem schoß es auch darselbst, das Blut.

 

 Ich hatte mittels einer in Gemächthöhe befindlichen Schrankleiste beim Aufrichten die Schwarte perforiert. Meine!

 

 Und das nur, weil ich vor sieben Jahren nach Leipzig gezogen bin…

 

 Spätschäden!

 

 Kausal-Ketten.

 

 Mittlerweile vergrinde ich. Obenrum.

 

 Am Unfalltag selbst hatten die Kinder viel Spaß: „Guck mal der Onkel singt, und oben läuft es aus ihm heraus!!!“

 

 „Und was, bitteschön, will er uns nun damit sagen?“ werdet ihr ungeduldig zitternd fragen.

 

 Nun hier ist sie, die Quintessenz: Umzüge verursachen Hirnschäden, und Kühlschränke führen zu Blutschande!

 

 Mehr habe ich nicht zu sagen.

 

 Das sagt alles!

 

 Gleich fahre ich, trotz all des Schnees, zum Singen nach Dresden. Aber was soll schon passieren? ´ne Narbe habe ich schon, und sollte ich auf der Autobahn einschneien, kann ich, während all die unvorbereitet ins Schnee-Wirrwarr geratenen anderen Autofahrer den Hungertod sterben, immer noch an ´nem leckeren frischen Stück Grind knabbern…

 

 Ja, alles hat einen Sinn!

 

 Sinnige Grüße von

 

Jürgen

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