3.August 2010


Zuzug

 

Geliebte Lesende, geliebter Lesender,

 

 er hat es getan. Er, der Ingenieur unter den Multi-Instrumentalisten, der Grandseigneur der Liedermacher-Zunft, das zweitälteste Mitglied der Erfolgs-Band „Die MelanKomiker“, der ehemalige stellvertretende FDJ-Sekretär der Klasse 7a: W.

 

 Er hat mir, schon wieder, das Leben schwer gemacht. Durch einen Umzug.

 

 Himmel, was konnte ich mit filigranen Wortspielen über seinen Heimatort Laue herziehen, wie konnte ich die Lauer auf der Lauer liegen lassen, laue Lüftchen ums Gehöft R. beschreiben und viele andere, mir die lästige Auftritts-Zeit vertreibende, Dinge mehr. Doch: vorbei.

 

 Herr R. ist mir (wiedermal) gefolgt und residiert nun wie ich in Leipzig. Mist!

 

 „Doch nicht etwa auch im Stadtteil der Wohlsituierten und Besserverdienenden, in Gohlis, wie Du, vergötterter Jürgen?“ werdet ihr fragen.

 

 „Noch nicht!“ lautet meine verzweifelte Antwort, denn wenn Herr R. erst einmal im Umzugs-Fieber ist, kann man einen weiteren Wohnungswechsel, näher ran an mich, in den nächsten vier Wochen nicht ausschließen.

 

 Leipzig-Lindenau ist’s, wohin sich die zwei bis drei W.-Fans, die ich, um das hier mal ganz deutlich zu sagen, a) nicht verstehen kann und b) zutiefst bedaure, nun pilgernderweise aufmachen müssen, um einen Lidschlag vom Meister zu erhaschen.

 

 „Lidschlag“ bedeutet hier nun aber nicht, daß Herr R. ihnen aufs Auge faustet. So isser nun wirklich nicht. Dafür ruft er dann mich… W.-Fans abstrafen. Herrlich!

 

 Zusammenfassend kann ich also nun sagen, daß wir jetzt eine rein Leipziger Rock’n’Roll-Band sind, mein (nun ja, nun doch) Freund und ich.

 

 Sollte jemals jemand Autogramme von uns wollen, ist es nun für ihn wesentlich einfacher als vorher.

 

 Danke, Herr R.!

 

 Ich selbst durfte sein neues Domizil noch nicht sehen, geschweige denn betreten. Wahrscheinlich ist er noch damit beschäftigt, die Geldpakete, die ich ihm nach jedem unserer Auftritte IN BAR rüberreichen muß, im Verdikt der Gemächer, im Zimmergeflecht seines Barock-Schlosses zu verstecken.

 

 Das allein sollte schon drei bis vier Kemenaten füllen. Und er bekommt IMMER nur 500er Scheine…

 

 Ich bin zu gut.

 

 Zu ihm.

 

 Und vor allem: Seine Behausung scheint, im Gegensatz zu meiner, a) dicht zu sein und wird b) nicht von Handwerkern tangiert.

 

 Nun gut, meine heute auch mal wieder nicht, aber ich bin guter Hoffnung, daß ich im nächsten Jahr wieder aufs sich bislang immer noch in der Rekonstruktion befindliche Terrässchen darf.

 

 Lindenau aber steht kopf!

 

 Ein Prominenter lebt nun mitten im Stadtteil. Feuerwerke und Böllerschüsse sind seitdem an der Tagesordnung.

 

 Die Arbeitslosigkeit im Stadtteil hat 100 Prozent erreicht, denn keiner, nicht einer möchte auch nur ein Sekündchen gemeinsamen Wohnens mit dem Promi W. verpassen.

 

 Ein Star in Lindenau!

 

 Der zweitgrößte Star der ganzen, ganzen Welt.

 

 Und noch immer wispern sich die Lindenauer, ungläubig den Kopf schüttelnd, zu: „Er kennt Jürgen…!“

 

 Da aber widerspreche ich energisch und betone: Sollte er noch näher an meinen bewohnten Baustellen-Bereich in Gohlis heranziehen, dann, und wirklich erst dann, wird er mich richtig kennenlernen!

 

 Leipzig, wir sind jetzt zu zweit!

 

 Auf vorsichtshalber schon gepackten Koffern sitzend, grüßt

 

Jürgen

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