8.Juni 2009


45a

 

Geliebte Lesende, geliebter Lesender,

 

 ich war dann mal weg. Aber nur, um die ganze vorige Woche ausgiebig Kindertag zu feiern.

 

 Ohne Herrn R.!

 

 Ich selbst wundere mich natürlich nicht, daß W. nicht mehr zu Kinderfesten eingeladen wird, denn er wäre ja jetzt mittlerweile in der 45.Klasse, wenn er jedes Jahr versetzt worden wäre. Was mir nicht realistisch erscheint…

 

 Denn ab der 20.Klasse hätte ich ihn nicht mehr abschreiben lassen.

 

 Trotz allem – der Satz „Ich gehe in die 45a der Friedensoberschule Delitzsch!“ hätte was. Vor allem, wenn dann noch „Und mein Gruppenratsvorsitzender heißt Jürgen!“ angehängt würde.

 

 Ja, ich geb’s zu: Ich war ein Würdenträger! Bei mir saß das Halstuch noch fest. Was nichts anderes bedeutet, als daß ich irgendwann sooooooo’n Hals hatte. Ich glaube, das war zu jener Zeit als W. stellvertretender FDJ-Sekretär war.

 

 Und ich Agit-Proper…

 

 Ja, ich war schon immer propper! Und ´n bissel blöde sowie leichtgläubig.

 

 Hat sich aber gebessert. Das mit der Leichtgläubigkeit. Ich bin nicht mal mehr leicht gläubig.

 

 Ich glaube nur noch an mich. Und das eigentlich auch kaum bis nie.

 

 Und trotzdem werde ich zu Kinderfesten eingeladen! Weil man mir die 45.Klasse nicht ansieht…

 

 „Sie sind doch höchsten 40.Klasse!“ muß und darf ich immer wieder hören. Was mir sehr gut tut. – „Und jedes Jahr versetzt!“ füge ich dann meist und nicht ohne stolzen Unterton hinzu.

 

 Versetzt werden – darum ging es einem damals. Heute hat man sich dran gewöhnt, ab und an mal versetzt zu werden.

 

 Sitzenbleiben – um Himmelswillen, daran war nicht zu denken. Heute aber bleibe ich ab und an gern mal sitzen. – Wenn Herr R. Boxen, Kabel und Instrumente gen Auto transportiert…

 

 Um gute Noten geht es heute wie damals. Nur daß wir damals die Noten lesen konnten…

 

 Was ich ein bissel vermisse, sind die Appelle. Beim „Heißt Flagge!“ zeigte ich immer auf mich und murmelte: „Heißt Jürgen!“

 

 Appelle gab es damals wie Sand an der Ostsee. Für’n Appell und ´n Ei. Nicht ummesunst hieß ein alter DDR-Werbeslogan „Nimm ein Appell mehr!“ Eijeijei!

 

 Wir standen damals immer so schön im offenen Viereck. – Wer, bitteschön, steht heute noch im offenen Viereck?

 

 Vermissen wir das?

 

 Nein.

 

 Und im Ranzen hatten wir ein Dreieck! Eine eckige Jugend!

 

 Aber eine Jugend mit Rechenschieber! Ja, sowas gab es damals. Heute dagegen muß jeder seinen Rasen oder die Sandfläche selber harken.

 

 Rechenschieber – ein vergessener Beruf! Vielleicht sollte man den Berufsberatern heutzutage mal zeigen, was ´ne Harke ist? Vielleicht harkt es aber dann bei denen aus? Und sie rächen sich.

 

 Sollte dieser Rache-Akt (also die nackte Rache) schief gehen, haben sie sich verrächt.

 

 Übrigens hat sich ja auch derjenige, welcher den falschen Partner ehelicht, ver-heiratet. Soll öfter vorkommen als sich ver-fatzen.

 

 Denn Fatzen ist so schwer nicht. Das machen in Frankfurt fleißige Redakteure Tag für Tag.

 

 Nun gut, sie fazen, aber wir wollen doch an solch einem Tag wie heute nicht beckmessern, zumal gerade im „Karstadt“ Gabeln im Angebot sind.

 

 Ihr merkt schon – jeden Tag drei Kinderfeste, das tut mir gut.

 

 Am kommenden Samstag aber, nach dem obligatorischen Kinderfest, gehe ich in mich. Und in die Kirche. Samt W.! Und dann wird wieder gesungen, was das Kirchenschiff so aushält. In Mohlis. Und wer Mohlis nicht kennt – der … kennt Mohlis eben nicht.

 

 Ich kenne Mohlis auch noch nicht, werde aber Mohlis und die Mohliser am Samstag kennenlernen. Hoffentlich macht W. keinen schlechten Eindruck…

 

 Einer von uns beiden gibt sich dann, wie immer, nach der Veranstaltung, nach diesem Fest der Sinne, zum Anbeten frei:

 

Jürgen

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