3.Mrz 2009


Buschido

 

Geliebte Lesende, geliebter Lesender,

 

 da war er – der Hauch von Frühling. Und wann hauchte er? Pünktlich zum meteorologischen Frühlingsanfang am vergangenen Sonntag.

 

 Ich bemerkte den brachialen Jahreszeiten-Tausch dadurch, daß ich auf dem Hof des Gifhorner Schlosses, in dessen nach meiner Haupt-Tugend benanntem Ritter-Saal ich zum Kinderprogramm lud, eines überaus glücklichen Dreijährigen ansichtig wurde, der nicht nur ca. 30 Schneeglöckchen als Busch in seinen beiden Patschehändchen vor sich hertrug, sondern auch noch die dazugehörenden Wurzeln samt Erdballen. Ein Buschido!

 

 Das Kind mußte sich mit seinen Greif-Organen schier in den Boden gefräst haben!

 

 Chapeau, Kind!

 

 Beschmutzt, aber unendlich glücklich! Ja, das kenne ich…

 

 Irgendwann werden die Kinder dieser Welt ganze Äcker auf Händen tragen, denn sie ahnen ja nicht, daß nur obenrum ODER untenrum geerntet wird. Nie in Gänze! Das verschweigen ihnen Bernd, das Brot, Bob, der Baumeister, und W., das Würstchen…

 

 Ich sehe sie schon vor mir, die nur noch aus Muskeln bestehenden und durchgedopten Knirpse, die dann, nur weil sie Appetit auf ein Äpfelchen haben, ganze Stämme mit der Früchten gar vielen vor sich hertragen.

 

 Irgendwann ist auch wieder Wasser-Melonen-Zeit! Mein Gott, welch schreckliche Szenen werden sich da abspielen. Dreijährige heben sich an riesigen Wasser-Melonen-Bäumen einen Bruch! Ohne zu wissen, was das ist – ein Bruch.

 

 Ich weiß es auch nicht, aber ich bin ja auch nicht so beknackt wie die kleinen Racker. Wenn ich eine Melone möchte, räkele ich mich gen Ast des damit bestückten Ziergehölzes, schneide mir den Süßwasserspender vom Baum, ramme ein bis sieben Strohhalme hinein und ziehe. Nein, nicht Leine, und schon gar keine Linie. Ich ziehe durch. Saugkraft und Manneskraft – das ist es, was mich auszeichnet.

 

 Oder: Das sind es, was mich auszeichnet?

 

 Hier darf sich der Grammatik-Fetischist unter euch mal so richtig die Omme zerrübeln.

 

 Komisch, daß das Rechtschreibprogramm „zerrübeln“ nicht unterstreicht! Frühlings-Lethargie?

 

 Nur gut, daß der Frühling gestern wieder vorüber war. Der Regen hatte so um die null Grad, der Wind macht einen auf Sado und peitschte, und der Schneeglöckchen-Fräser vom Vortag hatte die kleinen Neue-Jahreszeit-Einläuter sicher schon wieder ins Erdreich gerammt. Mit den Blüten nach unten! Damit der Boden oben schön bündig abschließt!!

 

 So kann das nüscht werden mit der Zeit des Erblühens und Erwachens!

 

 Heute in einer Woche flackert er aber noch mal auf, der Lebens-Geist. Mit diesem liebreizenden Synonym flapse ich ja manchmal Herrn R. an. Und heute in einer Woche feiert eben dieser W. sein Wiegenfest.

 

  Das wievielte?

 

 Nein, bitte fragt nicht, Jünger der Populärmusik. Denn diese Zahl übersteigt meinen  Horizont! Andererseits geht es ja hinterm Horizont weiter, und da wird mir blitzartig klar, daß W. dann ja wiedermal genauso alt ist wie ich.

 

 Ich aber fühle mich jünger!

 

 Wie ein verkehrtherum in den naßkalten Frühlingsboden gerammter Schneeglöckchen-Busch!

 

 Das kommt vom Auf-den-Wasser-Melonen-Bäumen-Herumklettern! Sowas hält fit!

 

 Und macht blöde…

 

 Da aber bin ich wirklich fein raus, denn wer schon immer blöde war, den kann nichts mehr blöde machen!

 

 Aus dem Schneider grüßt

 

Jürgen

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