7.November 2008


Radio-Ratio

 

Geliebte Lesende, geliebter Lesender,

 

 da fahre ich doch gestern abend, wie immer gut gelaunt, gen Fitneßstudio, um den anderen Mit-Sportlern mal wieder zu zeigen, wie man Squash nicht spielen sollte und trotzdem gewinnt, und plötzlich haben sie es wieder geschafft, diese Dummbatzen in den Medien: Ich fange an, die DDR zu verteidigen.

 

 Brüllend gen Radio. Denn in diesem verkündet der Deutschlandfunk gerade, daß die Deutsche Demokratische Republik viiiiiiiel schlimmer war als …, na sagen wir – der Teufel.

 

 Den Teufel wiederum kenne ich gar nicht, die DDR wohl schon. UND ICH MÖCHTE SIE NIIIIIIE WIEDER HABEN!

 

 Aber wenn mir Dumpfbacken MEIN Leben neu erklären wollen, werde ich schon mal so gelaunt, daß ich nicht gerade ein Liebeslied tiriliere. Eines der alten Kampflieder schon… - Ha!

 

 Gestern waren es dann zwei Kampflieder, denn mein „Stammsender“ verkündete, daß der Antisemitismus in der Tätärä wahre Triumphe feierte. Und daß Israel in den parteigelenkten Medien an den Pranger gestellt wurde.

 

 „Oha!“ merkte ich auf, Letzteres stimmt. Bei Ersterem war ich mir nicht so sicher, doch dann erklärte mir der öffentlich-rechtliche Rundfunk allen Ernstes, daß auch die Millionen toter Juden in den Konzentrationslagern in meinem Geburtsland nie öffentlich erwähnt wurden. Totgemacht wurden immer nur Antifaschisten – das war die DDR-Wahrheit. So laberte es aus dem Radio.

 

 Und dann kam ein Ex-Lehrer aus der unseligen Zone zu Wort und verkündete, daß das Wort „Zyklon B“ sowie die Judenvernichtung im dritten Reich im Unterricht in den Schulen der DDR nicht vorkamen bzw. totgeschwiegen wurden.

 

 Nun erwartete ich, daß weiterhin gemeldet würde, in der DDR-Schule wurde gelehrt, daß im Himmel Jahrmarkt sei und Sex mit Tieren in Ausnahmefällen nicht so schlimm. Oder schlümm.

 

 Gut, diese Meldung kam dann doch nicht, aber warten wir mal ein, zwei Jährchen, und dann kommt bestimmt heraus, daß alle DDR-Kinder zur Sodomie gezwungen wurden. Mit der Katze des Hausmeisters. In den Schulen des Regimes. Unter Aufsicht des nichtjüdischen Lehrers!

 

 Menno! Ich möchte und will doch diese blöde Ex-Republik nicht immer verteidigen müssen. Aber was in Spielfilmen und nun auch Radio-Dokumentationen so verbrochen wird, ist manchmal zu hanebüchen. – Was soll das eigentlich???

 

 Natürlich haben ich in der Schule von der Ermordung der Juden in den KZ, von der Reichspogromnacht und all der ganzen Scheiße gehört. Und fast alle Klassen des Landes sind ins KZ Buchenwald gefahren, wo es nicht nur um Ernst Thälmann, sondern halt auch und vor allem um die Bestialität gegen jüdische Menschen ging und dies anhand erschreckender Tatsachen belegt wurde.

 

 Ja, auch ein „Das darf und soll nie wieder geschehen!“ wurde mir beigebracht. In der DDR.

 

 Unglaublich. Aber wahr.

 

 Und trotzdem möchte ich nicht ins Honecker-Ländle zurück. – Das nur, falls mir das einer unterstellen möchte.

 

 Aber obskurer Blödsinn wird auch, wenn er übers Radio oder gar grenzdebile Veronica-Ferres-Filme vermittelt wird, nicht wahrhaftiger.

 

 Was soll das eigentlich? So schafft man sich immer wieder eine ganze Riege von Leuten, die kopfschüttelnd anfangen, ihr ehemaliges Land zu verteidigen. Ohne dies eigentlich zu wollen. Sie möchten nur richtigstellen.

 

 Ich mache dieser Tage mal ´nen Test mit Herrn R., der ja zwölf Jahre lang die gleichen Schulen wie ich besuchte. Erst lasse ich mir seine Narben zeigen, die von den Züchtigungen durch unsere Lehrer zeugen. Und dann stelle ich ihm die Fangfragen zum Holocaust, der bei uns, zugegebenermaßen, nicht so hieß.

 

 Wenn’s W. so geht wie mir, ist natürlich nichts bewiesen. Dann haben wir uns nur als Ewig-Gestrige zu erkennen gegeben.

 

 Wir sollten uns schämen!

 

 Historische Grüße von

 

Jürgen

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