7.Juni 2008


Ich trage eine Fahne…

 

Geliebte Lesende, geliebter Lesender,

 

 ich habe keine Fahne am Auto. Schon seit mehr als zwei Wochen nicht!

 

 Bin ich ein Un-Patriot? Müßte man mich, würde ich denn versehentlich durchs Bild laufen, aus Heimatfilmen raus-retuschieren?

 

 Oder, um es ganz drastisch zu sagen: Bin ich einer von denen, die sich weigern würden, fürs Vaterland in den Krieg zu ziehen?

 

 Letzteres kann ich durchaus mit einem „Ach ja.“ beantworten, aber nicht wegen des Vaterlandes, sondern wegen des Kriegs. Ich bin nämlich lebenserhaltend feig.

 

 Sollte ich jemals eine Reinkarnation erleben, könnt ihr mich am Baum bewundern. Als Feige.

 

 Auch mein Ohr ist feige, denn es kann ent-emotionalisiertes bedingungslos lautes Hupen nicht ertragen. Von buntbemalten höchst unsportlichen, dafür aber umso mehr alkoholisierten Karosserie-Lenkern mit drei Fahnen: der eigenen sowie der aus teutschen Landen irgendwo über den Scheinwerfern.

  

 Oh, ich möchte durchaus, daß Deutschland Fußball-Europameister wird und würde mich darüber sogar seeeehr freuen. Ich gucke auch jedes Spiel und wäre, wenn der Jogi denn anriefe, auch bereit, mein Fachwissen fürs Wohl der Nation preiszugeben, aber zum Null-Acht-Fuffzehn-Austauschbaren möchte ich mich nun doch nicht machen lassen.

 

 Was treibt Menschen eigentlich dazu, gerade das zu tun, was die anderen auch tun? Gut in puncto Essen, Trinken, Schlafen und Geschlechtsverkehr (ein unglaubliches Wort, dem ich mich wohl mal ausführlicher zuwenden sollte), bin ich, zumindest indem ich mich nicht verweigere, massenkompatibel – wenn auch mit ausgewählter Finesse…

 

 Aber wenn irgendeine ideenlose Werbefirma Euro-Senf auf den Markt wirft, ducke ich mich doch höchstens weg und denke: Jeden Senf der Welt, aber NICHT DEN!!!“

 

 Und kann ich nicht auch ohne Fahnenschmuck am „Wagen“ einfach durch mein freundliches Gesicht (Und DAS ist ein Gesicht…) zeigen, daß ich gerade gute Tage erlebe???

 

 Herr R. wurde übrigens von mir verpflichtet, mit Fahne am Akkordeon die „Melankomiker“-Auftritte zu absolvieren. Für immer. Die flattert dann im eigenen Wind der Quetschkommode. Hinter die Fahne montiere ich vielleicht irgendwann (Wenn ich mal Montieren gelernt habe…) gar noch ein Windrad, sodaß W. endlich mal unter Strom steht.

 

 Das wird ein Spaß. Morgen abend beispielsweise schicke ich ihn mit der polnischen Flagge am Instrument in die Fußgängerzonen Leipzigs, um mit Straßenmusik unser Band-Salär aufzubessern.

 

 Das so eingespielte Geld kommt dann auch ganz und gar mir allein zugute, denn der dann wohl nötige Krankenhaus-Aufenthalt W.s wird ja gewiß von seiner Kasse finanziell ausgeglichen.

 

 So. Jetzt ziehe ich meine Deutschland-Unterwäsche an (Und bis Ende Juni nicht mehr aus!), male mir die National-Farben ins Gesicht, richte die Bierkästen so aus, daß sie von meinem Thron vor der Glotze aus ohne jegliche Beinbewegung gut erreichbar sind und die Sicht aufs Weltgeschehen im Farbfernseherchen nicht beeinschränken, rülpse nochmal kurz durch, wie’s der Fan halt so macht, und dann fokussiere ich den Bildschirm!

 

 Denn Federer gegen Nadal im Final der French-Open – das DARF ich nicht verpassen!

 

 Fahn-tasielose Grüße von

 

Jürgen

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