17.Mrz 2008


Vom Winde verweht

 

Geliebte Lesende, geliebter Lesender,

 

 es sind stürmische Zeiten. Jedenfalls wird das immer mal wieder behauptet. Was natürlich Wahnsinn ist, was bereits eine solche irrsinnig unkomische Einrichtung wie der Volkssturm bewies.

 Trotzdem wedelt es aber kräftig weiter. Vor allem vorige Woche.

 

 Und was nicht alles fliegen kann. Ja, auch Pferde, Genosse Kosonossow. Vor allem neuerdings auch Tische!

 

 Denn als ich eines Vorigewochevormittags am Pomputer hockte, machte es draußen auf der Terrasse nicht etwa, wie bei Wind üblich, „Husch!“, sondern „Huidibuschkrachwums-zisch!“.

 

 „Welch schöne Abwechslung“, dachte ich noch und blickte durchs Kemenatenfenster, um dem Sturm ins Angesicht zu grinsen. Doch beides erstarb in diesem Moment: der Sturm und mein Grinsen. Mausetot.

 

 Denn nun war mein Eigentümerstolz verletzt. Und vor allem gekränkt durch die an sich so normale Frage: Wo ist eigentlich mein Tisch? Konkreter hätte ich sogar fragen müssen: Wo ist eigentlich mein nicht gerade leichter und gewiß in einer Schwermetall-Gießerei hergestellter Tisch, bei dem ich, seitdem ich sein Eigner bin, vermutete, daß unter der Tischplatte eine Plakette folgender Beschriftung angepappt sei: Unfliegbar!

 

 Gut, das mit der Plakette hat sich mittlerweile als veritabler Irrtum meinerseits erwiesen. Es sei denn, daß sich der Inschrift-Träger während der Flugeinlage des Beistell-Möbels löste…

 

 Also: Ich blickte durchs Fenster und war, seit langem wieder mal, konsterniert. Das passiert mir sonst nur, wenn ich in den Spiegel gucke…

 

 Dann aber machte ich den ersten Fehler: Ich schüttelte ungläubig den Kopf und sorgte so – für noch mehr Wind. Was da alles hätte passieren können!

 

 Kaum fünf Minuten später hatte ich mich wieder im Griff, stemmte mich gegen die orkanbeschwerte Terrassentür, um dem Sturm meine Meinung zu sagen. Kaum war ich draußen, mußte ich allerdings feststellen, daß die immer noch erhoffte Halluzination eine Realität war: Nix mit Tisch.

 

 In Windrichtung über die meterhohe Terrassenbalustrade linsend und dabei ein Weg-geweht-Werden riskierend, blickte ich auf das Faszinosum eines teilweise zerstörten Daches unter mir. Ziegel um Ziegel zertrümmert. Hatte ich einen Bombenangriff verpaßt? Waren es gar die allerallerletzten Kriegsschäden, derer ich ansichtig wurde?

 

 Nein, Friedensliebende, beruhigt euch, denn es war die neue Geheimwaffe Tisch, die ebenjene Krater schlug. Es geht also auch ohne Sprengstoff!

 

 Doch wo war er, mein Tausendsassa? – Weitergeflogen!

 

 Früher hätte ich gar nicht erst weitergesucht, denn meine Vermutung wäre mit „Sicher gen Westen!“ eine alle Flugversuche in der DDR umfassende gewesen.

 

 Wer aber möchte denn heute noch in den Westen? Nun gut, Tische vielleicht…

 

 Also „flog“ ich schier die Treppen aus dem immerhin vierten Stock hinunter und betrat, leicht verunsichert, den Hof des Grundstücks: Gottseidank, kein Tisch!

 

 Auch der angrenzende Fußweg: tischfrei. Das ließ mich aufatmen. Denn allein der Gedanke, daß ein Metalltisch, aus dem vierten Stock daherkommend, auf einen Fußgänger prallen könnte, machte mich zittern. Denn sowas hält kein Tisch aus! Und so’n Tisch kostet!!

 

 Wo aber war mein kleiner Springinsfeld??

 Doch ach, da sah ich ihn: kopfüber! Nicht ich. Er. Direkt zwischen zwei parkenden Autos. Wie zum Parkplatz-Reservieren abgelegt. Da hatten die beiden Vehikel-Besitzer aber Glück, daß durch ihre blöden Metallkisten meinem Tischleinduckdich nix passiert war…

 

 Unbeteiligt guckend sowie eine von W. komponierte Melodie pfeifend (und damit bewußt eine falsche Spur legend), schlenderte ich, den Tisch locker am Gebein umklammernd, gen hinnen bzw. von dannen.

 

 Jetzt habe ich das Flugobjekt der obskuren Begierde erstmal zur Innenausstattung erklärt. Vielleicht lege ich sicherheitshalber ´ne Decke drüber, um ihn zu beschweren. Und dann sehen wir mal weiter…

 

 Aber mal ehrlich, Freunde des leicht bescheuerten Liedguts: Was da alles hätte passieren können!!!!

 

 Der Tisch könnte heute praktisch unbrauchbar sein. Vielleicht ein abbes Bein. Oder gar ´ne Schramme auf der Platte. Und bei Letzterem weiß ich, wovon ich schreibe…

 

 Das Schlimmste aber blieb uns allen erspart: Stellt euch nur mal, so als Horrorvision, vor, MEIN Tisch wären auf einen Menschen geprallt. Blut! Überall Blut!!!

 

 Ob das jemals wieder abgegangen wäre, weiß nicht mal

  

Jürgen

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