3.Februar 2008



Helm auf zum Gesang!

 

Geliebte Lesende, geliebter Lesender,

 

 sekündlich, stündlich, ja fast täglich, um nicht zu sagen nie werden Herr R. und ich mit der Frage bombardiert: Womit beschäftigen sich die Protagonisten des Vokal-Ensembles „M.“ eigentlich in den ca. 90 Minuten, die jedesmal zwischen dem Aufbau der Verstärker-Anlage bzw. dem Soundcheck und dem Beginn des Konzerts liegen?

 

 Nun, eine Antwort darauf gibt es nicht. Sondern mehrere.

 

 Ich gehe hier mal auf den vergangenen Feitag ein, wo W. und ich in den besagten eineinhalb Stunden damit beschäftigt waren, eine Idee, die uns seit gemeinsamen Schultagen verfolgt, weiter auszuarbeiten.

 

 Wir haben ja nicht nur gemeinsam in einer sozialistisch verbrämten Bildungseinrichtung das System bekämpft (Oder es uns? Oder war’s uns gar Wurscht?), sondern auch noch in dem gleichen Chor. Denn: Wir konnten (in Maßen) singen.

 

 Und wenn uns etwas das Herz erzittern ließ, dann war es die Unfähigkeit der anderen. Ja, das Leben der anderen. Denn von denen konnten nicht nur viele nicht singen, nein, der Sozialismus gab ihnen nicht mal eine Chance, indem er sie taubstumm zur Welt kommen ließ.

 

 Wir aber, der fast geniale Herr R. sowie der durchaus uneingeschränkt Genialität verkörpernde J., wollten den von Mutti Natur und Papa Erich Eingeschränkten helfen. Für die Zeit, wenn’s mal anders käme, planten wir einen Taubstummen-Chor.

 

 Gut, ein solcher wäre auch system-unabhängig ein Renner sowie ein Hingucker, aber in der DDR wäre solch Ensemble halt an Materialmangel gescheitert. Nicht, daß ich Taubstumme hier als „Material“ bezeichnen würde. Na-hein! „Material“ – das wären die benötigten Treppen, Stiegen sowie die kleinen Leitern gewesen. Auch an Trampolinen herrschte in der Republik, der ich meinen ersten Personal- sowie den nicht minder hübschen Impf-Ausweis verdanke, keinesfalls Überfluß.

 

 Heutzutage aber, und darüber kamen W. und ich am Freitag ins Schwärmen, könnten wir so durchaus die Konjunktur ankurbeln.

 

 Denn jeder der „Sänger“ benötigte ja zumindest eine Leiter. Je nach Alter und Statur gar eine Treppe, eine Stiege oder was die Höhen-Überbrückungs-Industrie noch so zu bieten hat. Ok., von mir aus auch ´ne Winde. Und um in der EU zugelassen zu werden, scheint mir mindestens ein Helm für jedes Chormitglied unabdingbar.

 

 Denn, je nach Partitur, gilt es ja für die Künstler, die gewünschte Tonhöhe auf ihren Ton-Leitern, -Treppen usw. zu erklimmen. Freihändig! Denn mit den Händen muß ja in der Zwischenzeit der Text in Gebärdensprache fehlerfrei gen Publikum gesandt werden.

 

 Solch ein Gewimmel möcht’ ich sehen! Und wenn dann noch Oktav-Sprünge gefordert werden, horcht die Trampolin-Industrie auf. Hierfür sind auch die He/stronglme gedacht, denn nicht immer trifft die eifrige Sängerschar gleich den richtigen Ton bzw. die entsprechende Leitersprosse. Klar, bei den Proben sind noch Netze gespannt, doch beim Auftritt heißt es „Live is live“. Zumal, sollte doch mal was schiefgehen, die Verletzten fast nie laut herumschreien und somit die Ensemblewirkung stören.

 

 Ein feiner Integrationsgedanke, der sowohl die Konjunktur als auch das kulturelle Leben auf Vordermann bringen könnte. – So Herr R. und Herr D. am vergangenen Freitag. Vertreter nichtausgelasteter Krankenhäuser, vor allem Abgesandte der Unfall-Chirurgie, sprachen uns gegenüber schon von Fördermitteln.

 

 Dann aber kam er mir: der Ausgrenzungs-Gedanke. Denn wie müssen sich Blinde in solch einem Konzert fühlen: diskriminiert aufs Äußerste. Da hülfe nicht mal Bildschirmtext.

 

 Und an diesem Umstand scheint nun unser Projekt zu scheitern. Allen kann man es einfach nicht recht machen. Vielleicht regt sich gar noch einer über unseren Einfall an sich auf, von wegen: Über sowas scherzt man nicht. Wir schon. Wie über abbe Haare oder anne Bäuche.

 

 Jedenfalls haben wir jetzt erstmal Einladungen an potentielle Chormitglieder in spe verschickt. Ohne Versprechungen. Mehr so ´ne Art blind date.

 

 Und während W. dann die Helme verteilt, dirigiert die Leiter-Persönlichkeit

 

Jürgen

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