26.November 2007


Gut bestollt

 

Geliebte Lesende, geliebter Lesender,

 

 ich finde es cool, uncool zu sein. Nö, nicht mit dem Trend gehen, aber auch wieder nicht dagegen antrampeln, sondern ihn ad absurdum führen. Wer jetzt fragt „Wohin führen?“, kann gleich aufhören zu lesen. Und tschüß!

 

 Seit September beispielsweise offerieren die Nahrungsmittel-Erwerbs-Boutiquen wiedermal Weihnachtsstollen. Und mit dieser Formulierung par excellence umschiffe ich gekonnt die Stolle-oder-Stollen-Klippe.

 

 Der Nahrungsmittel-Industrie auf den Leim zu gehen und das Zeug nun vom Spätsommer bis weit in den März hinein zu fressen, wäre sicher uncool. Ich differenziere das Ganze, indem bei mir daheim schon seit Wochen, aber maximal bis Ende November, jenes Weihnachtsnaschwerk zum Verschnabullieren auf den Teller gelangt. Herr R. kann ein Lied davon singen. Und nicht nur davon.

 

 Ab dem ersten Advent aber ist Ruhe im Stollen! Nix mehr mit Rosinen-Bombern. Erst im März taue ich die Christbaum-Süßigkeit wieder auf, um sie bis in die ersten Sommertage hinein Waldemar und mir bei den ach-so-kräftezehrenden Proben zu kredenzen. Und wenn W. auch ansonsten ein gaaaanz lieber und friedfertiger ist: Hier schlägt er sowas von zu… Unglaublich. Vor allem: Man sieht es ihm nicht an!

 

 Anderes Beispiel für meine coole Uncoolness? – Bütteschön: Die Tulpe, in der DDR ja noch ein rarer Frauen-am-Frauentags-Beglücker, der eigentlich nur an eben jenem 8.März gehandelt wurde, ist auf dem Weg zur Ganz-Jahres-Pflanze! Seit vierzehn Tagen wird sie bereits wieder in Straußform dem geneigten Farbenfreund offeriert. Wahrscheinlich wurde es ihr in der Zwiebel zu langweilig.

 

 Nun gibt es sie also, noch vor der Eröffnung des Weihnachtsmarktes, wieder en masse zu kaufen. Uncoole beugen sich dem und ballern ihre Bude nun bis in den späten Mai hinein mit bierglasähnlichem Blühwerk zu. Klar, auch ich bin schon betulpt. Und am 24.Dezember stelle ich ´nen extra-großen Strauß in meinen Wohnbereich. Lametta drauf und fertig!

 

 Dann aber ist Sense, was ja der Tulpe natürlicher Feind ist. Im Frühling gucke ich schon mal nach den ersten Weihnachts-Sternen, um meiner Zeit voraus zu bleiben.

 

 Irgendwann holt sich das Jahr auf diese Weise selbst ein – und ich werde wieder jünger! Manchmal fühle ich mich schon wie 49. Sogar an Sex denke ich ab und an bereits wieder, warte aber sicherheitshalber noch ein paar Jährchen ab, in denen ich das Rad der Geschichte zurückdrehen und dabei engagiert in die Speichen greifen werde. – Ich glaub’, ab Ende 30 mach’ ich’s wieder. Hoffentlich habe ich nix verlernt…

 

 Kann natürlich sein, Herr R. weigert sich, diese hübsche Nebentätigkeit mit mir wieder aufzunehmen… Schwupps! sähe ich wieder alt aus. Aber irgendwie mache ich den schon geil…

 

 Vielleicht probiere ich aber auch mal Frauen aus. Soll aber meistens zu Komplikationen führen, hört man. Andererseits: Vielleicht verarschen mich die Kerle, die mir dies berichten, auch einfach nur, um die Weiber für sich allein zu behalten?

 

 Darüber sollte ich, bei einem fetten Stück einer meiner Stollen (Wieder um die Klippe rum!), mal nachdenken. Vielleicht in der Weihnachtszeit, während ich, Freesien ums Haupt gewunden, die Kugeln an die Tulpen hänge? Dabei, an einer leckeren frische Weihnachtsgurke knabbernd, „Alle Vögel sind schon da“ summend.

 

 In nicht mal mehr einem Monat werden die Tage wieder länger! Yeah! Wollen wir das aber wirklich? Durch die längeren Tage dauert und dauert es dann ja auch, bis endlich wieder Frühling ist und wir glücklich vor dem ersten Strauß frischer Astern sitzen können. Dann aber natürlich gut bestollt.

 

 Warum Fußballer sich dieses Weihnachtsgebäck unter die Schuhe schrauben, stellt aber zumindest einen vor ein unlösbarer Rätsel:

 

Jürgen

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