4.November 2007


Un-erhört!

 

Geliebte Lesende, geliebter Lesender,

 

 hat er sich lange nicht mehr richtig aufgeregt, euer kleiner Racker, oder?

 

 Hat er wohl! Hatte bloß keine Gelegenheit, seine schiere Wut und Verzweiflung in die Tatstatur zu hämmern. Denn zur Zeit der Aufregung lag er im Bett.

 

 Nun gut, von aufregenden Nächten werde ich hier ein anderes Mal berichten, aber von einer aufgeregten schon mal jetzt. Denn ich bin das, was wohl ein jeder richtiger Deutscher ist: ein Hörspiel-Fan! – Vielleicht kein richtiger Deutscher, also von der Lebenseinstellung her, - aber ein Liebhaber von Hörspielen.

 

 Ein  gewisser Herr R., könnte, wenn er denn des Singens mächtig wäre, ein Lied davon singen, denn immer, wenn wir uns mal wieder eine Nacht vom Freitag zum Samstag bei der Rückfahrt von einer unserer umjubelten Hoch-Kunst-Darbietungs-Events um die Ohren schlagen (also ich die Nacht um seine), ist er dazu verurteilt, mit mir gemeinsam dem Mitternachts-Krimi im Deutschlandfunk zu lauschen.

 

 Die Fans wissen es: jeden Sonnabend um 0.05 Uhr.

 

 Nun begab es sich am Freitagabend, daß ich mal wieder ein Haltbarkeits-Datums-Test-Essen veranstaltete. Dazu enterte ich meinen Kühlschrank, entnahm ihm alles, was schon seit mehr als einer Woche als „überlagert“ galt, und verzehrte es. – Ein Mann benötigt ab und an eine Herausforderung!

 Lag es nun am Kühlschrank oder am mittlerweile fast auch schon überalterten Probanden dieses Ein-Mann-Versuchs – mir wurde übel. So gegen 11. Also eine Stunde vor Mitternacht.

 

 Diese benötigte ich dann auch, um den Weg von der Couch gen nächtliche Liegestatt zu bewältigen, wo ich pünktlich 0.05 Uhr aufschlug.

 

 Nun konnte es mit der Verfassung (der meinigen, nicht der des Landes) nur noch besser werden. Die Fanfaren, welche das Ohren-Beglückungs-Ereignis jede Woche aufs Neue ankündigen, erschollen, mir wurde warm und wohlig. – Jürgen auf Mörderjagd…

 

 Schauspieler und Getränke-Liebhaber Otto Sander gab einen Kommissar. Ein Kribbeln durchzog mich und ließ mich meine Übelkeit schwuppdiwupp vergessen. Schon fünf Minuten lang ermittelte Uns-Otto – es hatte mich gepackt.

 

 Doch dann, urplötzlich: Musik! Ach was, keine Musik – schrille Tonfolgen, Bass-Gewumse, Getrommel, Geschrille – gefühlte sieben Stunden lang. Ich war auf einen Schlag hellwach, und mir war wieder schlecht.

 

 Nun gut, ein Ausrutscher der Regie, ein peinliche Geschmacks-Verirrung des Dramaturgen – ich kann verzeihen! Und schon bald hatte mich der Sander, der Otto, samt seiner rauchigen Stimme wieder dorthin gezogen, wo er mich hinhaben wollte: in den Bann.

 

 Gerade stellte ich erste Vermutungen in Richtung Täter-Findung an – da schroll es schon wieder aus den Lautsprechern: Freejazz von hinten gespielt.

 

 Und das ging dann so im Drei-Minuten-Takt: drei Minuten Hörspiel, gestoppte 15 Sekunden „Musik“, also Krach. Jede, aber auch jede Stimmung wurde so versaut. Ich konnte mit einem Mal ALLE Mörder dieser Welt mehr als nur verstehen, nein, ich wollte einer der ihren sein.

 

LYNCHT DIESE HÖRSPIEL-REGISSEURE!

 

 Zumindest diejenigen, welche nicht mehr auf die Kraft der Worte vertrauen, sondern immer „musikalische Häppchen“ einstreuen. Das nimmt mittlerweile überhand! Wenn ich Musik hören möchte, dann suche ich mir im Radio Musik, wenn ich Debile belauschen möchte, verankere ich meinen Rundfunk-Empfänger beim MDR, aber wenn ich einem Hörspiel lauschen möchte, dann erwarte ich, daß maximal am Anfang und am Ende getutet, geblasen, getrommelt und gezupft wird. Nicht ständig mittendrin! Ihr Wichser!

 

 Ich bin im Besitz der CD-Hörbuchfassung des „Kleinen Prinzen“, gesprochen vom mittlerweile selbst Wolke 7 bewohnenden Ulrich Mühe. Fein gemacht, Ulrich. – Aber selbst da wird das Machwerk nach jedem auch noch so kleinen Abschnitt mit Gitarren-Musik unterbrochen. Nervtötend. Zum Kotzen! Abscheulich! Verbrecher waren da am Werk!!!

 

 Zum Abschluß nun noch ein besonderer Knaller: Denn ein von mir gerade bei „Jokers“ erworbenes Billig-Hörbuch mit sechs CD, also immerhin für eine längere Autofahrt ausreichend, macht, mal abgesehen von literarischen Nicht-Wert der Story, die Hörer nun absolut zum Deppen. Jeweils am Ende einer CD wird dem geneigten Ohr des Machwerk-Käufers von einer Fremdstimme, die wohlweislich im Booklet nicht benamst wird, mitgeteilt, daß diese CD nun zu Ende sei und man zur Fortsetzung bitte die nächste einlegen möchte. Diese nächste CD beginnt dann mit dem von der gleichen kriminellen Person gesprochenen Hinweis, daß das nun die nächste CD sei und es mit dem Roman jetzt weitergehe.

 Mal ehrlich: Unsereins hätte nach dem Ende von CD eins bis an sein Lebensende abgewartet, ob sich CD zwei nicht von selbst einlegt. Niiiiiie mehr hätte ich mein Auto verlassen. Immer hoffend, daß ein Wunder geschähe. „CD eins scheint zu Ende zu sein – was mache ich jetzt bloß“, wären meine letzten Worte gewesen. Mal ganz abgesehen davon, daß ich im Auto ´nen CD-Wechsler habe, der CD zwei ungefragt nachschiebt.

 

 Bald wird auch in Büchern auf jeder rechten Seite unten der Hinweis stehen: „Ende der Seite fünf, bitte zur Fortsetzung des Romans umblättern auf Seite sechs!“ Und auf Seite sechs liest man dann links oben: „Fortsetzung des Romans von Seite fünf!“

 

 Natürlich ändern sich von Seite zu Seite die angegebenen Nummern und sorgen so für zusätzliche Spannung. Dann könnte man aber auch gleich auf das Sortieren der Buchseiten verzichten und einfach Seite 21 auf Seite 314 fortsetzen. Das übt Blättern. Gerade jetzt im Herbst.

 

 So. Genug aufgeregt für heute. Ich fahr’ jetzt nach Taucha. Gemeinsam mit Herrn Rösler. Denn dort gibt es heute ab 15.30 Uhr die Preisverleihung bei den „Tagen der Literatur“.

 

 Und Waldi und ich sorgen dabei für die … Musik.

 

 Un-erhörte Grüße von

 

Jürgen

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