12.Oktober 2007


Hauben-Taucher

 

Geliebte Lesende, geliebte Lesender,

 

 Zweiter hinter Doris Lessing zu sein, ist vielleicht keine Ehre, aber ein Mann von Welt (also aus Leipzig…) weiß, daß man Damen den Vortritt läßt. Vize-Literatur-Nobelpreis – da können meine Eltern aber stolz auf mich sein.

 

 Die Damen und Herren aus Oslo haben sich bislang nicht mal gewagt, mit dieser erschütternden Nachricht bei mir anzurufen… Oh, es ist ihnen gewiß überaus peinlich. Und ich verstehe das!

 

 Peinlich ist aber auch, was mir gestern erstmals in aller Deutlichkeit ins Auge stach. Aua! Und nochmals: Aua! – Was sind denn das für Frauen, die sich da beim in den Supermarkt integrierten Friseur die Omme richten lassen? Hallo??? Was’n das????

 

 Da schieße ich, meinem restlos vollgepackten und ob dreier Kästen „Volvic“ (im Angebot…) schier überlasteten Einkaufswagen mit Anlauf Schwung verleihend und mich dann trotz rasanter Geschwindigkeit ohne jeglichen Bodenkontakt ärmlings auf ihn stützend, gen Ausgang des Lebensmittel-Tempels und bin plötzlich geneigt, die Handbremse zu ziehen. – Ein Griff ins Leere.

 

 Also lasse ich ausrollen, knalle wie immer gegen die viiiiel zu langsam automatisch öffnende, demnach IMMER, wenn ich sie erreiche, noch geschlossene Ausgangstür und kann trotz auch diesmal wieder energisch blutender Augenbraue (Cut!) nicht anders: Ich muß die erbärmliche Vision, die ich gerade hatte, nochmal überprüfen. Ich MUSS umkehren!!! Kann das wahr sein???

 

 Gut, jede Frau möchte unter die Haube. Nicht umsonst ist „Haubentaucher“ im Synonym-Lexikon unter „F“ plaziert. Aber da sitzen sie nun. Drei Stück! Direkt am Gang zur Supermarkt-Kasse. Keine Tür, kein Nix trennt sie von mir. Ich k&nnte sie anfassen!!!! Alle so um die 50, also eigentlich noch knack-jung, wenn ich mal von mir ausgehe…

 

 Dieser bemitleidenswerte Anblick: Ein Perlon-Latz ziert als Überwurf die durchaus schmächtigen Oberkörper. Lockenwickler im Haar lassen mich an Frau Igel aus dem DDR-Kinderfernsehen denken, und von oben ballert ein postmodern konfigurierter Heißluftstrahler ins stark errötete Face! Dabei schlürft die eine noch leicht verhutzelt aus einer Kaffeetasse.

 

 Ein Anblick des Grauens, der Demütigung! Mitleidheischend! Mann möchte erblinden. Und ganz schnell vergessen. Für immer!

 

 Wieviel Geld diese Probantinnen wohl für die Zurschaustellung erhalten? Auf den Jahrmärkten früher gab’s die Frau ohne Unterleib (Unter uns: eine Enttäuschung…). Und die LEBTE davon. Können das diese armen Seelen auch?? Oder beziehen sie noch zusätzlich Stütze? Sitzen die gar schwarz hier rum und bunkern unheimlich viel Kohle, die sie dann auf die Cayman Islands schicken?

 

 Unter 100 Euro die Stunde wird sicher kein weibliches Wesen Solcherlei mit sich machen lassen. Eigentlich ist das immer noch zuwenig, denn SO beknackt mitten in der Öffentlichkeit vorgeführt zu werden – das erfordert schon Chuzpe und Selbstvertrauen der besonderen Art.

 

 Dann die Krönung: Ein spätes Mädel ließ sich das Haupthaar waschen. – Ich holte mir ´n Stuhl! DAS wollte ich genau sehen. Einfach fein, wenn so klatschnasse Strähnen über Stirn und Nase auf die spitzbübisch gewölbten Lippen klatschen. Deshalb auch „klatschnaß“. Ich klatschte! Ja, ich applaudierte euphorisch. Was für eine tapfere Frau. Da könnte sich selbst ein ebensolches Schneiderlein noch ´ne Scheibe abschneiden.

  

 Und dann sah ich ihn: den Mann. Schüchtern schien er zu sein. Deshalb auch der Platz ganz hinten. Ich konnte aber trotzdem gut sehen. Er ließ gerade Strähnchen machen, trug also so ´n Badekappe mit Löchern. Und blickte stolz und strohdoof in die sich mittlerweile um mich stauenden Menschenmassen.

 

 Die wiederum glotzen aber nicht etwa auf die Friseur-Exhibitionisten, sondern auf mich. Weil ich nicht mehr aus dem Kopfschütteln und „Die Armen, die Armen…“-Brabbeln herauskam. Die Figaro-Vorführungen fanden sie ganz normal. – Aber Geld für Comedy-Scheiße ausgeben!

 

 Ich bin dann heim. Nicht ohne mir vorher so’n Sonderangebot Lockenwickler unter den Nagel gerissen zu haben. Wollte einfach mal sehen, wie bekloppt ICH damit aussehe.

 

 Nun versuche ich bereits seit Stunden, so’n Ding auf meiner Birne zu befestigen. Fehlanzeige! Es sei denn, ich tackere in die Kopfhaut.

 

 Vielleicht sitzen diejenigen, die noch über Haare verfügen, deshalb so stolz in aller Öffentlichkeit unter der Haube? Sie möchten MICH demütigen. MICH an meine vor vielen Jahren entfleuchten Locken erinnern, um mir weh zu tun. Es sind BÖSE Menschen!!!

 

 Und mit sowas hatte ich Mitleid… Morgen gehe ich nochmal hin. Mit ´nem Lachsack! Und ´ner Mütze, damit sie meine kahle Birne nicht sehen. Und dann schreie ich ihnen ins debile Antlitz: „Ihr macht euch hier sowas von zum Affen…!!!“

 

 Und ihr holt mich dann bitte morgen aus dem Heim ab, denn ich ahne schon: Die Zwangsjacke bekommen nicht etwa die Haarlekine übergestreift, sondern, wie immer:

  

Jürgen

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