7.Oktober 2007


Voll mauer Gefühle

 

Geliebte Lesende, geliebter Lesender,

 

 niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen! Das flötete ich bei Feierlichkeiten jeglicher Art schon sehr, sehr oft Herrn R. ins Ohr, während ich mit Zement, Maurerkelle und Hohlblocksteinen (Ich weiß, mein Fachwissen verblüfft euch…) zwischen dem reichhaltigem Buffet  und Waldemar hantierte. Man muß ihn, auf welche Art auch immer, vor sich selbst schützen…

 

 Aber irgendwie schafft er es stets wieder, daß, wenn das Mäuerchen endlich steht, er auf der Buffet-Seite Leckereien verköstigt, während ich mich selbst ausgemauert habe. Alles eine Frage des Stand-Punktes.

 

 Und meist rufen in diesem Moment meine Eltern an und fragen: „Hast du heute schon was gegessen…?“ 

 

 Meinem „Ja!“ folgt sofort die Nachfrage „Was?“, was mich wiederum ins Stottern bringt, denn meist aß ich ja doch noch nichts, da ich ja ein Spätgenießer bin. In der Liebe wie in der Nahrungsaufnahme. Bei Letzterer meist nicht vor 22 Uhr, denn vorher bin ich ja noch nicht vom Sport nach Hause scharwenzelt. Bei Ersterer soll’s bald mal losgehen…

 

 „Scharwenzeln“ könnte eigentlich für heute mein Lieblingswort sein. Erst lasse ich meine Gedanken scharwenzeln, dann mich selbst. Und abends zum Konzert geklonter Liedermacher: eine Schar Wenzel.

 

 Was das Essen betrifft, um hier nochmal thematisch zurückzurudern (Schon wieder Sport!!!), bin ich derzeit in einer Testphase. Also nicht etwa, daß ich die Testperson sei, denn da meine Existenz von mir mehr so als Test für die Menschheit aufgefaßt wird, ist dies ja ausgeschlossen. Aber: Ich teste Lebensmittel! Und vor allem: deren Verfallsdaten. Deren angebliche Verfallsdaten!!!

 

 Alles Lug und Trug! Gestern abend entdeckte ich beispielsweise in den tiefsten Tiefen meines Gefrierschranks ein Fischfilet, das nicht nur dermaßen von Eiskrusten überzogen war, daß es der Erd-Erwärmung weit mehr als nur spottete, sondern das von der Produzenten-Mafia mit einem Datums-Aufdruck gebrandmarkt war, welches es seit mehr als einem Jahr „für den Verzehr nicht mehr geeignet“ erscheinen lassen sollte.

 

 „Mit mir nicht, Madam!“ zitierte ich, vor der Kühlbox kniend, alte DEFA-Filme(1969). Flugs erhitzte ich den Eisblock vorschriftsmäßig 45 Minuten lang auf ca. 1000 Grad Celsius, vertrieb dann mit einem Fön (!) binnen zwanzig Minuten die Rauchschwaden aus dem Wohnbereich (gen Schlafzimmer, das ich mit diesem Trick kostengünstig für eine erhoffte und irgendwann vielleicht auch mal stattfindende Liebesnacht – meine erste – aufheizte), bröckelte die Fisch-Leich’ (im Gegensatz zum Fisch-Laich) zwischen Nüdelchen, die ihrer al-dente-Phase zehn Minuten lang in kochendem Wasser nachgetrauert hatten, und aß. Aas. Sozusagen.

 

 Heute morgen hätte ich gemäß aller ernährungswissenschaftlichen Erkenntnisse tot sein müssen. War es aber nicht. Fühlte mich nur so.

 

 Nun habe ich vor, mich noch weiter ins Innere des Tiefkühlschranks vorzuarbeiten. Mit dem Eis-Pickel. Auch Ötzi soll ja von solchen gekennzeichnet gewesen sein… Naja, Hautprobleme.

 

 Und wenn ich dann im Inneren der Eishöhle noch auf alte DDR-Ware stoße, lade ich Herrn R. auch mal zum Essen ein. Und täusche selbst Unpäßlichkeit vor.

 

 Hmmmmm! Das wird ihm schmecken! Schaut, wie er sich die Lippen leckt, der kleine Genießer! Und ich beobachte alles gaaaanz genau, ja dokumentiere vielleicht sogar alles per Video. Siecht er schon, oder siegt seine Robustheit? Nix Genaues weiß man nicht. Und nach zehn Minuten sollten noch keine vorschnellen Urteile gefällt werden, nur weil er bereits blau im Gesicht ist. Abwarten, denn: Siecher ist siecher!

 

 Schon Klaus Hoffmann sang in einem seiner wunderschönen Lieder „Siecher sein! Einmal siecher sein! Wer so oft verloren hat, wird einmal siecher sein.“ Schöner kann man’s nicht ausdrücken.

 

 Ich ahne aber bereits, daß W. ob seiner Ost-Prägung genau so verfallsdatum-resistent ist wie ich. Wahrscheinlich verlangt er noch Nachschlag! Und das Blaue im Gesicht war das Blaue vom Himmel, in den er sich hineinversetzt fühlte.

 

 So abgekocht kommt mir W. manchmal vor. Während ich koche. Vor Wut. Und mir schnell meine Handwerkerkluft überziehe, um mich einzumauern. Ich ahne aber schon, daß Herr R. auf der Gegenseite fein säuberlich Stein für Stein wieder entfernen wird. Denn er bedarf ja meiner noch. Mein kleiner Frei-Maurer.

 

 Warum mir das alles am 7.Oktober einfällt, weiß ich auch nicht.

 

 Euer Mauer-Blümchen

 

Jürgen

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