3.August 2007


Balkon-Bombe

 

Geliebte Lesende, geliebter Lesender,

 

 heidewitzka übern Balkon!!! Das ist, wenn man nicht gerade wie ich in der dritten bzw. vierten Etage wohnt, ein schönes Spiel. In meiner Höhenlage allerdings kann man es, es sei denn, es geht wirklich alles schief, nur einmal spielen.

 

 Game over! – Out.

 

 Nun bin ich weder depressiv noch suizidgeil, und außerdem war’s die Terrasse und nicht der Balkon. Und im Affekt! – Ich glaube, das entschuldigt einiges.

 

 „Was aber ging denn nun über die Brüstung?“ werdet ihr euch, sofern ihr des Wortes „Brüstung“ gegenwärtig seid, erregt bis aufs Äußerste fragen und die Antwort „Mein guter Ruf!“ mit einem „Du Illusionist!“ quittieren. Na danke. Ehrlichkeit ist auch manchmal arg fehl am Platz.

 

 Doch neben meinem guten Ruf ging noch was als Folge einer spontanen Basilikum-Rettungs-Aktion über die Brüstung: ein erdiges Pflanzenbüschel. Dieses nämlich erspähte mein fielmannverstärktes Adlerauge im Basilikum-Hain meiner Freizeit-Oase. Und eh’ ich auch nur nachdenken konnte, kam meine grüne Seele durch, ließ mich den Kräuter-Enfaltungs-Verhinderer vehement schnappen, dem Erdreich entreißen und … angeekelt übers Geländer werfen.

  

  

 Vergessend sowie ignorierend, daß zwei Etagen tiefer ein mit mir bis dahin befreundetes Musiker-Ehepaar der balkonenen Erholung sowie eines Kaffees frönte.

 

 Noch in der Flugphase des Öko-Geschosses wurde ich mir meiner Untat bewußt und hinter der Terrassen-Brüstung immer kleiner. Als dann aber von unten ein empörtes „Öööööööhhhh!“ gen meiner Lauscher drang, wurde ich das, was ich in Kindertagen, nämlich bei den Pionieren, schon mal war: tiefrot.

 

 Nach unendlich lang erscheinenden 20 Sekunden des Schweigens, in denen ich alle, aber auch wirklich alle Varianten, die des grün-erdenen Fluggeschwaders Landung auf dem Kaffeetisch mir eigentlich am Herzen liegender Mitbewohner erklärbar werden ließen, ohne daß ein Mittun meiner selbst dabei zu implizieren wäre, erwog, ließ ich mein ob der Röte sonnengleiches Haupt über die Reling wachsen und stotterte ein „Huch!“ gen des geschändeten, gar festlich gedeckten Vespertisches. – Nochmal „Ööööööhhh!“.

 

 Ein „Das ist mir jetzt aber zutiefst peinlich!“ stammelnd, zog ich mich dann aus dem Freiluftbereich meines Mietobjekts zurück und starb. Tausend Tode!

 

 Wie kann ich denen, die mir noch kurz zuvor Freund waren, je wieder unter die Augen treten??? Sind die Bullen schon unterwegs??? Wurden meine Eltern schon informiert??? Bricht Herr R. jeglichen Kontakt zu mir ab und wird Solo-Mandolinist???

 

 Wäre ich lieber tot?

 

 Ja.

 

 Aber nur kurz. Denn seitdem ich wieder einigermaßen klar denken kann, versuche ich Verzeihung zu erheischen. Bei studierten Musikern! Kein leichtes Unterfangen… Denn diese sind gewieft!!!

 

 Tun meine Missetat als „nette Abwechslung“ ab, finden, die Sache sei mit einem „Was waren wir erschrocken, aber was haben wir dann gelacht!“ aus der Welt geschafft. Formulieren ziseliert: „Genau NEBEN der Kaffeetasse gelandet! Toller Wurf!!“

 

 Und ich: Winde mich im Staub vor ihnen. Spüre wohl, daß ihr „Du“ mittlerweile mehr nach „Sie“ klingt. Soeben verboten die Gerichte der Bundeswehr deren Lieblingsspielplatz, das Bombodrom, schon eröffne ich Nebenkriegsschauplätze und werfe mit Unkraut-Batzen.

 

 Hitler wurde nie verziehen. Und das soll auch nicht sein. Dito Stalin. Pol Pot? - Nein, keine Chance auf Rehabilitierung! Idi Amin? - Never! Wolfgang Schäuble? – Huch, der gehört hier ja gar nicht hin. Und ich? Ich??

 

 Nachbarn! Freunde! Unter mir Wohnende! – Verzeiht, vergebt! Lebt das, was ihr immer lebt: Großmut. Ich möchte zurück in euren ach-so-erlesenen Freundeskreis.

 

 Und ich weiß: Ich habe es nicht verdient.

 

 Lasset es mich mit Karl Liebknecht sagen: Trotz alledem! Bitte…

 

 Wurfgeschoßartige Grüße von

 

Jürgen

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