22.Juli 2007


Lull und lall

 

Geliebte Lesende, geliebter Lesender,

 

 ich bin meiner Zeit knapp ein Jahr hinterher. Und wäre es noch länger - ´s wär’ auch nicht schlimm. Oder, um mal im Heimat-Idiom zu schreiben: nich schlümm.

 

 Denn gestern abend bzw. nächtens ließ ich die spanische „dramatische Komödie“ „Volver“ im Sommerkino über mich ergehen. Immerhin fast ein Jahr nach deren Kinostart in deutschen Landen. Und ich hätte getrost noch ein weiteres Jahr warten können. Oder gar noch hundertundeins (Denn so lange habe ich noch vor zu leben…) – verpaßt hätte ich nüscht.

 

 Schon der Begriff „Sommerkino“ – ein Hohn. Während ein paar Freunde und ich uns vor der Leipziger Moritzbastei „warmtranken“, ging es ja mit den Temperaturen noch so. Da sich die Sommerkino-Bühne aber AUF der MB befindet, gerieten wir ab 22 Uhr langsam, aber unsicher, in eine Art Windkanal.

 

 Das hatte zwar a) den Vorteil, daß die zwei Reihen vor mir logierende junge, seeeeehr große blonde Maid im ärmellosen T-Shirt nach ca. 30 Minuten mit Lungenentzündung den Kinobesuch aufgab, sich nach Hause trollte und dort gewiß eines unschönen Todes starb, was mir andererseits nun auch die Sicht auf die zweite Hälfte der Leinwand ermöglichte, b) aber auch zur Folge, daß mir trotz bis obenhin geschlossener Jacke überm Pullöverchen kühl und kühler wurde. Ich hätte in einem Auto jeglichen Fabrikats anheuern können. Als Kühler.

 

 Lullern mußte ich auch! Und das schreibe ich nur, weil ich das Wort „lullern“ so schön finde. Herbert Wehners Frau sagte mal in einem Interview nach dem Tode ihres Mannes herzergreifend, daß sie dessen fortschreitende Senilität zum ersten Mal bemerkte, als er vollkommen unbedarft „in den Garten lullerte“. – Das wiederum bestärkt mich in meinem Nichtraucher-Dasein! Denn, mal ehrlich: Wer möchte sich denn jetzt noch ´ne Lulle anzünden? Da fühlte man sich ja lull und lall…

 

 Da im MB-Sommerkino der Film immer zwei Teile hat (bedingt durch das Wechseln der Filmrollen in der EINEN Vorführmaschine), können wir das Problem des Lullerns nun ad acta legen. Es sei denn, es hagelt eurerseits Leserbriefe dazu. Sollte dies der Fall sein, komme ich gern darauf zurück: Nur die Harten kommen in den Garten! Siehe Herbertchen…

 

 Doch der Film, das Filmchen, die Zelluloid-Zierde lullte mich mitnichten ein. Ein solcher Scheiß!! Und noch’n Ausrufezeichen: !

 

 Tochter soll von Papa mißbraucht werden, der dann, wie sich später rausstellt, nicht ihr Papa ist, und ersticht diesen sicherheitshalber. Mama, die wiederum von IHREM Papa mißbraucht wurde und somit auch die Schwester ihrer Tochter ist, „vergräbt“ den letztmalig Geilgewesenen in einer Gefriertruhe. – Die tote Oma taucht nach vier Jahren wieder auf!!!!! Nein, nicht als Mittagessen, sondern leibhaftig, und wohnt bei Mutterns anderer Schwester – unterm Bett. Als Russin! Die Nachbarin, deren Mutter mit dem Mann der Wiederauferstandenen fremdfickte, bekommt Krebs!!!!

 

 Nun war ich mir sicher, daß gleich irgendeiner gesteht „Ich habe AIDS!“ und dann Tampon-Werbung kommt. Doch hier war der Drehbuch-Autor wohl mit seiner Phantasie am Ende und versagte. Hätte mich fragen sollen!!! Ich hätte Oma nochmal schwanger werden lassen. Von ihrer Enkelin. Irgendwie ließe sich das mit Gen-Forschung schon erklären. Ansonsten wär’s halt ein Wunder gewesen.

 

 Oma aber stirbt bei der Geburt der Zwillinge (!) und wird so zur Hauptspeise ihres eigenen Leichenschmauses. Als Dessert gibt’s dann die Innereien des Tiefkühltruhen-Tiefgekühlten: Pansen an Minze…

 

 Diese ungewöhnliche Speisenkombination wiederum erweist sich als DAS Mittel gegen AIDS! ALLE werden geheilt! Auch die Nicht-Erkrankten!!!

 

 Tote Oma wird wieder zum wöchentlich einmal zelebrierten Gourmet-Höhepunkt jeder Kindergarten- und Schulspeisung. Nun aber weigern sich immer mehr Kinder, überhaupt auf die Welt zu kommen!!!! Es sei denn, Mama ist auch Schwester. Oder Bruder, wenn’s ein Junge wird. (Jetzt komme ich irgendwie selbst durcheinander…)

 

 Auf jeden Fall verbietet der Staat ab sofort Kühltruhen! Und das Lullern!!! (Warum auch immer…) Das finden alle Scheiße. Und versuchen Gruppen-Suizid! Nicht wissend, daß Pansen an Minze Suizid-resistent macht.

 

 In diesem Moment erschießt sich direkt neben der Leinwand der Regisseur, und der Drehbuchautor schenkt dessen Blut in kleinen Espresso-Tässchen aus. Das Volk ist beruhigt und verlangt Nachschlag. Nach drei bis vier Tassen aber muß es … lullern.

 

 …wäre ein Stoff für „Pro 7“. Oder nee: Besser für den MDR geeignet. An wen auch immer: Ich verkaufe.

 

 Meine einzige Bedingung: Die Cruzen muß mitspielen, denn die setzte schon bei der gestern von mir aufgesogenen Verfilmung Maßstäbe. An Blöd- und Untalentiertheit. Die Cruzen – überbewertet.

 

 Und ich mach jetzt das, was mir alle sowieso ab und an raten: Klappe halten und lullern gehen.

 

 Euer Sommer-Cineast

 

Jürgen

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