11.Mrz 2007


Gegen alle Etikette

Geliebte Lesende, geliebter Lesender,

 

 es gibt sie, die gute Nachricht des Sonntags für euch: Mit-Musikant Waldemar hatte gestern Geburtstag!

 „Ha, das soll eine gute Nachricht sein?“ werdet ihr, vielleicht enttäuscht darüber, nicht eingeladen worden zu sein, fragen. Doch Gemach, ihr Sofort-Nörgler, denn der Hammer kommt JETZT:

 

 DER NÄCHSTE, DER IN UNSERER BAND GEBURTSTAG HAT, BIN SCHON WIEDER ICH!!!!

 

 Na, da lohnt es sich schon, ab heute täglich ein kleines Unsümmchen beiseite zu legen, um dann kurz vor meinem Ehrentag auch genug Scheine für ein angemessenes Geschenk parat zu haben. Oder eben gleich die Scheine rüberreichen.

 

 Ich freu mich jedenfalls schon. Und ruckzuck ist’s Oktober…

 

 Noch märzt es aber, und das kann selbst ich nicht ausmärzen, jedenfalls nicht vor dem 31. jenes waldemarigen Monats. Der Bursche ist jetzt übrigens wieder genau so alt wie ich! Versucht aber verzweifelt, dadurch jünger zu wirken, daß er mir bei seinem Wiegenfest freie Kost gewährt. Und freie Getränke. – Ich aber schlug ihm, wie jedes Jahr, auch diesmal ein Schnippchen, indem ich dieses Angebot schamlos ausnutzte. Das hatte er, wie immer, nicht erwartet.

 

 Nun bin ich zwar kugelrund gefressen sowie schwerst alkoholgeschädigt, was meinem jugendlichen Antlitz doch schon Tendenzen hin zum Aussehen eines Mittdreißigers verleiht, also glatt zehn Jahre älter wirkend als sonst, Herr Rösler aber, der eigentlich um sieben Monate Jüngere, wirkt, ob des finanziellen Schadens, den ich ihm unter Inkaufnahme irreparabler Leberschäden mannhaft zugefügt habe, heute schon beinahe wie ein Greis. Also 40jährig…

 

 Wenn der wüßte, was ich nächstes Jahr bei seinem Wiegenfeste zu saufen beabsichtige, würde er heute schon aussehen wie 41!

 

 Doch zurück zum Wesentlichen: zu mir. Denn mein gestählter Körper hat mittlerweile die gestrige Orgie bestens verkraftet und lechzt bereits seit dem Aufstehen, also seit 11 Uhr, nach Heldentaten. Als Erstes nahm ich mir vor, die Sonne heute dauerhaft scheinen zu lassen. Und nun, Ungläubige, schauet aus dem Fenster und seid dankbar.

 

 Dann mein zweites Unterfangen biblischen Ausmaßes: Ich begann zu klauben! Denn nicht nur der Glaube gibt uns Halt, nein, auch das Klauben ist für den weiteren Lebensweg von entscheidender Bedeutung. „Kannste klauben?“ – Oh, das ist ein Frägchen, welches ich durchaus zu bejahen in der Lage bin.

 

 Doch worin klaubte ich: in meiner unendlich vielfältigen Garderobe. Um ihr wenigstens heute, kurz vor MEINEM Geburtstag, mal ein Kleidungsstückchen zu entreißen, das nicht nervt und mich so den Sonnentag ungestört genießen läßt.

 

 Nach langem Suchen fand ich es dann: ein bereits von mir selbst kastriertes T-Shirt! Ohne dieses Scheiß-Etikett hinten im bzw. am Kragen. Solche Etiketten kratzen immer! Manchmal nicht gleich beim ersten Tragen des modischen Designer-Stücks, aber nach ein, zwei Wäschen verhärtet sich diese in Hieroglyphen gehaltene Waschanleitung und meldet sich unaufgefordert zu Wort. Oder zu Kratz. Oder gar zu Juck.

 

 Ok., das läßt einen Mann von Welt (also einen gebürtigen Delitzscher) erstmal kalt, und er ignoriert diese unmenschlichen Qualen tapferst mindestens zehn bis fünfzehn Sekunden lang. Dann beginnt ein sich Verrenken à la Kamasutra, welches zufällig vorübereilende Passanten mit der Zunge schnalzen läßt, einen selbst aber nur kurz befriedigt.

 

 Denn die Erleichterung, welche sich einem bemächtigt, wenn der verfluchte Stoff-Fetzen unter Aufbringung schier unmenschlicher Gymnastik in eine nicht-kratzende Lage bugsiert wurde, währet nur Sekunden. Und dann schwupps! erigiert sich dieses blöde Folterteil in seine qualverbreitende Ausgangslage zurück. Immer!

 

 Ich selbst bin ja mittlerweile radikal: Nach dreimal Kratzen reiße ich mir das Wäscheteil vom Körper und schneide, meist noch hoch erregt, brutalstmöglich zu. Mit einer immer mitgeführten stumpfen Haushaltsschere. Zehn Sekunden später ist es geschafft: Das Etikett ist weiterhin gut lesbar, das T-Shirt aber hat ein irreparables Loch bzw. troddelt langsam auf.

 

 Ich aber bin stolz auf mich, denn ich habe nicht kapituliert. Doch nicht vor einem Kleidungsstück! Mindestens zehn T-Shirts und Pullover, die im hinteren Halsbereich nur noch mit einem Heftpflaster zusammengehalten werden, besitze ich bereits. Und trage sie. Stolz!

 

 Scheiße nur, daß Heftpflaster am Hals dermaßen kratzt…

 

 Sehr, sehr wahnsinnig machend sind auch jene klitzekleinen Einnäher, die die von mir meist gleich im Dutzend erworbenen Reizwäsche-Slips der Größe M zieren. Schweißtreibend steißreibend! Eine Frechheit!

 

 Per Radikalschnitt komme ich so zu Unterhöschen mit Eingriff. Hinten!! Völlig abgedreht.

 

 Da wäre man gern andersrum!

 

 Kann ich mir aber nicht leisten, denn sonst würde mich Herr R. nicht zu seinem nächsten Geburtstag einladen. Um seine Frau nicht zu irritieren. Obwohl – dieses Jahr war ich auch nicht eingeladen und fuhr trotzdem hin. Eigentlich wie jedes Jahr.

 

 Und wie herzlich wurde ich begrüßt: „Dein T-Shirt hat hinten am Kragen ein Loch, und da klebt ein Pflaster dran!“ – „Seid froh, daß ihr den eingefetzten Slip nicht seht!“ schlagfertigte ich die Nörgler ab, um mich dann total kratz- und juckreizfrei dem kostenintensiven Schlemmen hinzugeben.

 

 Ich glaube, daß hinter vorgehaltener Hand manch Gast wie folgt lästerte: „Wenn’s nix kostet, säuft und frißt der bar jeden Maßes!“

 

  Dieses Etikett lasse ich mir, ob des darin enthaltenen Genitivs, gern anheften.

 Das kratzt mich nicht.

 

Sonn-tägliche Grüße vom tapferen Schneiderlein

 

Jürgen

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