25.Februar 2007


Durchgedreht und abgestürzt... 

 

Geliebte Lesende, geliebter Lesender,

 

 was bin ich froh! Und erleichtert! Puh, gerade nochmal gut gegangen!

 

 Ich dachte nämlich, es hätte mich aus der Bahn geworfen. „Es“, das Leben. Naja, ich komme manchmal auf solch abwegige Gedanken, wenn etwas Außergewöhnliches passiert. Etwas, das nicht eingeplant war. Was einfach nicht auf dem Plan stand.

 

 Und was ist ihm passiert, dem Tastatur-Betreiber eurer Lieblings-Internetseite? – Er hat getanzt! Also ich! Getanzt! Huch!!!

 

 Nun ja, andere würden das, was ich da trieb, als Rhythmische Sportgymnastik oder einfach nur als Hüpfen bezeichnen, für mich aber war es die seltene Dreifaltigkeit von Musik, Körper und Schweben. Eiiiiiiinmalig! Ich glaube, daß sogar eine Drehung in meinem Repertoire war und auch zur Aufführung kam. Dieses gewagte Übungsteil, das ja schiere Lebensfreude im Überfluß auszudrücken vermag, baute ich aber nur einmal ins Tänzchen ein, um Schwindelanfällen vorzubeugen.

 

 „Wozu, und vor allem mit wem tanztest du denn, re-inkarnierter Nurejew?“ h&re ich euch lauthals raunen und dabei das Augenbräuchen fragend knicken. War’s Röslers Waldemar, das kleine Funkenmariechen aus Laue? No. Njet. Nein. Fajang (Koreanisch…).

 

 Die mich zu Ausfallschritten inspirierende Musik kam vorgestern abend von der rumänischen Blechblas-Band „Fanfare Ciocarlia“, die in meiner Heimatzeitung wie folgt charakterisiert wurde: „Eine derartige Musizierlust, ein derartiger Überschwang ist seit der Erfindung der Bechblasmusik kaum mehr durch Europa gewandert.“ – Aber hallo! Gewandert? – Gestürmt!

 

 Und meine Tanzpartner waren derer viele, denn nicht einen der rund 600 Leute im Leipziger „Werk 2“ überkam sie im Verlauf der mehr als zwei Stunden Rumänien-Hurrikan nicht: die Hüpf-, Tanz- und Springwut. Demzufolge tanzte ich auch mit Männern, was diesen wiederum wohl Albträume bescherte. Vor Neid. Denn mal ehrlich: Ich hörte mehrfach den hingestaunten Satz „Was’n Hüftschwung!“ Und da ich ihn selbst artikulierte, kann ja auch nur ich gemeint gewesen sein.

 

 So. Wegen all dem aber machte ich mir, im Nachhinein, tierische Sorgen. – Mein Leben verläuft nämlich eigentlich in, wenn auch sehr amüsanten, so doch auch festgefügten Bahnen. Ergo: Ich weiß denn fast immer, was mich erwartet. Tanzen – das war für mich in diesem Leben definitiv nicht mehr eingeplant gewesen. Und deshalb überfiel sie mich, die wilde Angst!

 

 Was würde als Nächstes kommen? Kaufe ich mir meinen ersten Anzug? Gar meinen ersten Schlips? Schocke ich meine Eltern und werde ebenso spät wie überraschend und unpassenderweise erwachsen? Schwöre ich dem an sich ja pekuniär nicht gewinnbringenden Sport endlich ab und konzentriere mich aufs Geldverdienen? Biete ich Herrn Rösler gar das Du an?

 

 Oh, da macht man sich schon Gedanken. Und deshalb beobachtete ich mich gestern den ganzen Tag über aufs Genaueste. Aber und Gottseidank: Alles beim Alten! Pünktlich halb 11 aufgestanden, um eins beim Squash mal mich, mal den Gegner frustriert, in der Sauna dann wie immer eine gute Figur gemacht (Ha!), anschließend nach Hause – und somit zum Höhepunkt des Tages, der alles wieder in anderem Licht erscheinen lies.

 

 Denn, daheim angekommen, ging ich, eines nicht gerade geringen Hungers gegenwärtig, aufs Ganze und beschloß, nach mehr als einem Jahr wiedermal das Zubereiten und Verspeisen einer Pizza zu wagen. So belegte ich denn das das dem Tiefkühlschrank entnommene Fertigteil mit Zusatzstoffen (Was die Industrie auf so’n Teigrad packt, ist ja lächerlich wenig…), gab dem Herd Saures, indem ich ihn auf 200 heiße Grad hochfuhr, und führte den Italien-Diskus ein.

 

 Back und brutzel! Und duft! Herrlich!! Dann massenweise Zusatzkäse auf die schon leicht verkohlten Ingredenzien, und nochmal vier Minuten Fegefeuer. – Fertig!

 

 Nun galt es nur noch, die Herdklappe zu öffnen, was mir spielerisch leicht und mit gierig geweiteten Äugelein gelang. Dann rechts und links am Backpapier, auf dem die Mafia-Schindel lag, angefaßt und die Pizza aller Pizzen maßgerecht auf den bereitgestellten überdimensionierten Teller verfrachtet. Jedenfalls beinah.

 

 Denn mitten in der Transportphase gen Teller riß das poröse Backpapier ohne Vorwarnung ein und änderte so die Flugrichtung des Pizza-Ufos abrupt. Scheiß Erdanziehung. Bzw. Küchenboden-Anziehung. Platsch! Ohne Pitti! Pizza und Jürgen am Boden. Pizza und Jürgen total geknickt!

 

 Gut, ich habe das Mittelmeer-Gebäck anschließend doch noch vom Boden gekratzt und dann zuerst den Teig sowie später den zusammengeklumpten Käse-Wurst-Schinken-Ball verzehrt. Aber ich hatte dabei sowas von gute Laune, wie lange nicht.

 

 Denn ab diesem Moment stand es fest: Der Tanz-Anfall war nur ein Ausrutscher! Ansonsten ist alles wie immer! Wenn man mal davon ausgeht, daß ich seit weit mehr als einem Jahr keine Pizza mehr zubereitet und gegessen habe, dann kann ich heute stolz behaupten, daß mir seit mehr als einem Jahr in schöner Regelmäßigkeit ALLE Stiefel-Leckereien in den Dreck gefallen sind. Sowas gibt dem Leben endlich wieder eine gewisse Beständigkeit. Da hofft man nicht mehr, da weiß man.

 

 So nahm ich’s denn, als ich mir heute früh den Kaffee über die Hose schüttete, wieder gelassen wie immer hin. So isser nun mal, der Jürgen.

 

 Und wenn er auch ab und an mal einen auf Nurejew-Junior macht – aus seiner Haut kann er nicht raus. Schon Stunden später kleckert, stolpert und strauchelt er wieder, das Auge stur in Richtung nächstes Fettnäpfchen gerichtet.

 

 Und ihr könnt gewiß sein: So klein auch das Näpfchen, einer trifft es mit seinen nicht mal gar so zierlichen Füßen immer:

 

Tanzbär Jürgen

Copyright © 2005-2006 Design by ITS-NETWORK.NET
Sie sind Besucher Nummer: 165115
JW-admin | News-admin