28.Januar 2007


Irre Sitzenbleiber

Geliebte Lesende, geliebter Lesender,

 wir verstehen uns nicht mehr. Also die Welt und ich. Alle anderen wissen, was richtig ist und wo’s lang geht. Jürgen – Fehlanzeige. Und dabei bin ich auch noch bar jeder Reue! 

 Um es kurz zu machen: Ich wurde gestern, im wahrsten Sinne des Wortes, niedergezischt! Dabei wollte ich nur an die frische Luft. Aber der Rest der kulturinteressierten Welt ließ mir keine Chance.

 Zuvor hatte ich über zwei Stunden brav zugesehen und gehört, wie im spanischen Film „Princesas“ sehr dokumentarisch dargelegt wurde, daß der Beruf „Hure“ gar kein so schöner ist, wie Unbedarfte immer wieder annehmen. Gut, dafür hätte es, meiner Meinung nach, keiner zwei Stunden und schon gar nicht all der voraussehbaren „Wendungen“ im Film bedurft, aber ich blieb brav und still in der überheizten Kammer des „Passage“-Kinos sitzen. 

 Als dann aber eine der beiden Protagonistinnen des Films endlich mit HIV infiziert und die andere ihrer Familie subtil die Art ihres Brot-Erwerbs hatte erahnen lassen, wollte ich endlich abspannen. Der Film war zu Ende.

 Doch es folgte – der Abspann. Ca. 2500 Namen spanischer Schauspieler, Techniker, Tonmeister usw. Dann 7824mal „Gracias!“, für wen auch immer. Und dann: mein Fehler!

 Ich stand einfach auf und wollte gehen. Links von mir blockierten aber zwei Cineastinnen den Weg ins Freie. Und hinter mir – wurde gezischt! „Hinsetzen!“ Und das mit sehr scharfen, aggressiven Zischlauten. Ich hatte keine Wahl und gehorchte.

 Derweil studierte der bildungspolitisch höher angesiedelte Teil des Publikums die Namen der Catering-Firmen, die die Huren-Darstellerinnen während des Drehs versorgten. Der studentische Teil der Filmgucker schrieb sogar mit!! Auch den Namen der Firma, die für die Filmkopie verantwortlich war. Und zu all dem dröhnte a) Flamenco und b) mein Schädel.

 Juan, so hieß, glaube ich, der fürs Make up des Fahrers des Kameramanns Verantwortliche. Fein, das zu wissen. Irgendeiner von denen, die beim Drehbuchschreiber zuhause saubermachen, wenn er am Filmset nörgelt, nannte sich Gonzales. Sowas weiß ich jetzt. Leider aber nicht mehr dessen Vornamen. Ich werde derenthalber mal einen der kinosüchtigen Studenten fragen… 

 Mal ehrlich, wenn ein Film in tiefster Betroffenheit endet, klebe auch ich bis ans Abspann-Ende auf meinem Sessel. Ansonsten aber blende ich nach dem Happy oder was für einem End auch immer ab und mich aus. Es sei denn, mir ist der Name des Hauptdarstellers unbekannt, dann lese ich nach: T o m  H a n k s. – Wieder was gelernt.

 Wahrscheinlich gilt dieses neumodische Sitzenbleiben als symbolische Verbeugung vor der fleißigen Arbeit all jener, die auch nur vierten Grades verwandtschaftlich mit irgend jemandem aus dem Film-Team verbandelt sind. Und vor der Lebensleistung Johannes Heesters’. Einfach so. 

 Irgendwann bleiben auch dann noch alle im Saal, wenn anschließend geputzt sowie Papier aufgelesen wird. Sollte man ja auch würdigen. Ich meine sogar, an der Kino-Kasse schon billige Übernachtungs-Sets für Kino-Säle gesehen zu haben. Inklusive einer Nachtvorführung aller Abspanne des letzten Kino-Jahres… Irre!

 Oder auch nicht, denn richtig irre wurde es erst, als ich diese Nacht um 1.30 Uhr meinte, der dritte Weltkrieg sei ausgebrochen und Leipzig werde, was für kleine Areale der Stadt durchaus von Vorteil sein könnte, bombardiert. 

 War aber ein Irrtum. Denn es feuerwerkte nur. Ca. 15 Minuten lang. Nachts um halb zwei!!! Im Januar!!!!

 Der Osten habe kein Geld, wird immer rumgejammert. Ich finde: Dafür aber sehr, sehr viel Sinn für Humor! 

 Seid kopfschüttelnd gegrüßt vom abgespannten

Jürgen

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