16.September 2006


Oh W.  

Liebe Lesende, lieber Lesender,

 nun bin ich, wie mir heute gar erschröcklich bewußt wird, auch schon über 30.

 

  Neiiiin, bitte versucht nicht, mich vom Gegenteil zu überzeugen! Was wiederum in eurem Fall nicht mal Heuchelei wäre, denn: Ich hab’ halt die Figur eines Mitt- und die hehren Gesichtszüge eines Endzwanzigers, den Charme des unwiderstehlichen Twens sowie den Intellekt jenes personifizierten Geistesblitzes, der, einen Tag, nachdem ihm der Nobelpreis verliehen wurde, beginnt, sich Gedanken über die Feierlichkeiten des in wenigen Wochen anstehenden 30.Geburtstages zu machen. Wenn ich jetzt noch musikalisch wäre - nicht auszudenken.

 

 Doch die Logik sagt mir, daß zwar meine biologische Uhr mitten in ihrem Zenit stehenblieb, ringsum jedoch die Zeit, die gnadenlose Sekundenratte, weiter durchs Sachsenland ratterte bzw. rattete.

 

 Nur so ist es erklärbar, daß ich heute zur Feier „30 Jahre Abitur“ gen Delitzsch eilen werde. Und in meinem Fall bezieht sich das Einser-Abitur dann ja wohl aufs gymnasiale Abschluß-Alter, was damals sogar noch Erweiterte-Oberschul-Abschluß-Alter geheißen hätte. Demnach kam ich mit 2 zur NVA…

 

 So treffe ich sie denn heute alle wieder, die mir meinen Lebensweg in frühester Jugend vergellten! Allen voran: Waldemar Rösler.

 

 Was aus dem wohl geworden sein mag? Das war doch immer so’n Schmaler mit Gitarre. Und schrecklich albern. Aber Alkohol vertrug der damals – unglaublich!

 

 Wahrscheinlich läuft er immer noch als dürrer Hungerhaken durchs Land. ´ne Frau? Kinder? Oder gar Enkel? – Nee, dafür wird’s bei ihm nicht gereicht haben. Und die Gitarre hat er sicher längst eingemottet. Wollte der nicht mal Ingenieur werden? Ha! Mal sehen, ob’s wenigstens dazu (gerade noch so) langte. Hoffentlich schnorrt der mich heute nicht an…

 

 Bei den anderen sehe ich nicht so schwarz. Die hatten ja auch Perspektive! Die werden’s schon gepackt haben.

 Vielleicht sollte ich mich Waldemars ab heute abend mal intensiv annehmen. Eventuell wird doch noch was aus ihm. Der muß doch jetzt so um die 70 sein. Da könnte ich den Menschenfreund spielen und ihm in seinen letzten Jahren ein bissel unter die Arme greifen. Manchmal gibt es ja gerade da was zu erben, wo man es nie und nimmer erwartet hätte. – Ach, ich glaub’, ich biete ihm heute das „Du“ an. Wenn da bloß nicht dieser ekelige Brauch des sich Küssens wäre…

 

 Alle anderen aus unserer ehemaligen Klasse können dann ja hier im Gästebuch schreiben, wie sie mein soziales Engagement für Herrn Rösler finden. Oh, das werden Elegien!!! – Und hier für Herrn Rösler der Link, unter dem er nachlesen kann, was Elegien sind: http://de.wikipedia.org/wiki/Elegie

 

 So, jetzt husche ich noch schnell zum Coiffeur meiner Wahl, um mein Haupthaar für heute abend in Form zu bringen, absolviere flugs ein kleines Kinderprogrammchen in Teltow, und dann geht es ab in die alte Heimat, um sie zu treffen: die Mädels und Jungs der Sonderklasse (nicht aber der Sonder-Schule), die wir waren, sind und bleiben werden. Leider halt auch Ex-Mitschüler W.

 

 Mit „Oh W.!“ grüßt Abiturient a.D.

 

Jürgen

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