7.September 2006


Immer weniger

Liebe Lesende, lieber Lesender,

  ihr wißt es ja, daß wir alle in einer verlustreichen Zeit leben: Alles wird weniger! Sogar ich! Das aber nur in bezug auf die äußere Hülle, die ich in letzter Zeit um zehn Kilo reduzierte. Geistig und, so kurz vor dem Papst-Besuch kann ich das durchaus mal ansprechen, auch geistlich habe ich natürlich weiter zugelegt. Teilweise finde ich mich schon anbetungswürdig! Aber erklär das mal einer Herrn Rösler…

 Was aber wird noch weniger? Herr Rösler schon mal nicht. Aber die Blätter an den Bäumen! Da fängt es doch schon an. „Was erlaube Laub?“, um mal trappatonisch zu parlieren.

 Die Anzahl der Zuwanderer geht auch ständig zurück, durfte ich meiner Tagespostille entnehmen. Finde ich ganz in Ordnung, denn das ist doch kein ehrhaftes Vorhaben, ein Land zuzuwandern. Dann heißt es auf allen Straßen und Wegen „Rien ne va plus!“, Stau aller Orten, wir sind zugewandert! Aber sowas von zu. – Zugegeben, so kommt man sich näher. Aber möchte man das? Mann schon. Aber man? Manometer.

 Ich möchte vielen nicht zu nahe kommen, ihnen aber hier zu nahe treten, indem ich verkünde: Die Diskretion befindet sich auch im (Achtung, Politiker-Deutsch:) Minus-Wachstum. Eigentlich ist sie bereits gänzlich von hinnen gegangen bzw. begleitet von UNO-Truppen übern Jordan.

 Schrie doch vorgestern am Nebentisch in meinem Café eine Mittdreißigerin ihren ganzen Beziehungsmüll in ihr Handy und hinderte mich so am Lesen. Ich glaube nicht mal, daß am anderen Ende der sprichwörtlichen Leitung jemand zuhörte, sie wollte einfach nur allen Mitbürgern mitteilen, was für ein Arsch ihr Macker ist. Wir Leipziger wissen es jetzt, Baby: Dein Typ ist ein Arsch! – Für dich aber immer noch zu gut, du lauthalse Nerv-Schnepfe!! Mögen Stimmband-Knötchen der schlimmsten Art dich für immer verstummen lassen!!!

 Richtig, die Toleranz nimmt rasant ab. Das aber wiederum zurecht! Keine Toleranz den Toleranzlosen! Ab und an aber ein freundliches Wort für die jetzt überall durch städtische Gefilde hoppelnden Schulanfänger: „Ey, toller Ranzen!“

 Ach ja, der Charme wird auch immer seltener. Kaum noch anzutreffen, der Gute. Aller guten Dinge sind damit, und auch hier wird’s augenscheinlich weniger, nur noch zwei: Schirm und Melone.

  Was nun kaum einer glauben wird, denn es geht ja eigentlich nicht mehr, aber es ist trotzdem wahr: Der Service wird immer weniger! – Kam ich doch gestern flugsen Schrittes an einer Änderungs-Schneiderei vorbei, bremste meinen Gang, denn in den Ganglien reifte ein gar neckisches Ideechen: Hier könntest du dir doch jetzt gleich mal die Naht, die an der Innentasche deiner Jacke gerade im Aufreißen begriffen ist, mit ein, zwei fachmännischen Stichen wieder ins Lot bringen lassen.

 Ich weiß, eine Naht ins Lot bringen, ist ein schiefes Bild, aber schiefe Bilder darf man seit der Zeit des Kubismus durchaus denken. Schreiben würde ich sowas niemals.

 Ich also mit meinem schiefen Gedanken rein ins Geschäft, worauf mir das tapfere Schneiderlein auch sofort entgegeneilte. Auf meine Frage „Könnten Sie mir mal bitte schnell…“, die ich mit einer Geste auf meine sich in Auflösung befindende Jackennaht verband, erhielt ich die barsche Antwort: „Schnell geht gar nicht!“ Und mein Verweis darauf, daß ich durchaus bereit sei, die fünf Minuten, in denen das Jäckchen durchs Nähmaschinchen ruckelt, zu warten, wurde mit einer, diesmal allerdings pointiert betonteren Wiederholung in den Staub getreten: „SCHNELL geht GAR NICHT!“ – Nahm seine Elle und verschwand. Wahrschein zu seiner Ellen, um mit ihr ellenlange Gespräche zu führen. Oder Ellenbogen-Sex zu machen. Im Ellevator! Ellendes Pack!

Ellegante Überleitung gefällig? Büttesehr:

 Nun aber, zum Abschluß für heute, mal etwas, was immer mehr wird: die Zeit, die ich mir nehme, um eine Erklärung dafür zu finden, was Ellenbogen-Sex sei. Denn den kannte ich bis heute auch noch nicht. Mal sehen, wie Waldi, der in 30 Minuten hier zur Probe erscheint, reagiert, wenn ich diese neue Spielart der Lust an seinem Alabaster-Body teste.

 Sollte er allerdings hinterher hechelnd stöhnen „Weniger ist manchmal mehr!“, führt er mein ganzes heutiges Gelabere ad absurdum. Das wiederum würde mich berechtigen, ihn „Mein Führer“ zu titulieren. Und das stimmt denn ja auch. Mehr oder weniger.

  Es grüßt euch

Seine Wenigkeit Jürgen

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