19.August 2006


Scheiße labern

Liebe Lesende, lieber Lesender,

  ich bin erschüttert. Aber bei meinem Job hätte ich auch selbst drauf kommen können. Doch nun habe ich es aus erfahrenem Mund gehört! Und das kam so:

  Unbedarft warf ich heute Mittag, also zur Aufstehenszeit, das Radio an und landete wie immer bei einem meiner beiden Lieblingssender: Deutschlandfunk oder DeutschlandRadio Kultur. Welcher es war? – Isch weeß es nisch mehr.

  Man ließ eine Künstlerin ihre neue Platte promoten und sich loben. Huch, dachte ich, da labert jemand überaus selbstbewußt und dabei doch kompakten Unfug - hat denn Katja Riemann schon wieder ´ne CD gemacht? Doch dieser Kelch ging (noch) an uns vorüber.

  Es war die eben jetzt, wo ich diese Zeilen in die grau-in-graue Tastatur zelebriere, in Delitzsch gastierende Soul-Hoffnung Deutschlands namens Joy Denalane. Ihr kennt sie. Ich kannte sie nicht, hatte nur von dem Riesenrummel vor dem Konzert gehört.

  Nachdem die Vocalistin mir staunendem Hörer erklärt hatte, daß ihr neues Album aus gutem Grund nicht wie bisher in deutscher, sondern diesmal in englischer Sprache aufgenommen wurde, harrte ich der Begründung der gewagten These. Ich harre immer noch. Doch außerdem verharre ich noch vor Bewunderung, und zwar vor einer Erkenntnis, die mich tief in den Euro bzw. ins Mark traf.

  Was denn bei den Aufnahmen in den USA so besonders gewesen sei und den Ausschlag dafür gab, das neue Album dort entstehen zu lassen, wurde die Chanteuse gefragt. Und sie knallte Fakten auf den Tisch, die mich erblassen ließen. Sie habe in den Staaten bemerkt und dann auch gelernt, daß es nicht immer darauf ankomme, jeden Ton glasklar zu treffen, vernahm der starre Jürgen. Nein, manchmal könne man sogar mit einem etwas schiefen oder schräg angesungenen Ton Gefühle direkter ausdrücken. Nicht jede „line“ müsse neu aufgenommen werden, nur weil mal ein Ton angeschrägt sei. – Ich war still, baff und außerdem mit der Frage konfrontiert, was der hier assoziierte, von mir aber niemals unterstellte, Kokain-Konsum der sich vor dem Mikrofon Äußerndem denn mit der Erkenntnis-Aussage zu tun habe.

   Diese jedoch hat es nun tatsächlich in sich. Diese Amis! Da wäre doch ein deutscher Sänger nie, nie und nimmer nie von allein drauf gekommen! Und schon gar nicht eine Sängerin!

  Auf in die Staaten! Laßt uns singen lernen! Danke, Joy!  Ihr nächstes Album erscheint dann sicher in chinesischer Sprache, denn bei den Aufnahmen in Peking gibt es gewiß wieder Neues in punkto tonaler Akrobatik zu lernen.

  Darf denn schon jeder ungestraft Scheiße labern, nur weil er in Delitzsch bei Leipzig spielt??? Der Sender kündigte dann das Konzert auch noch wie folgt an: „Heute abend spielt Joy Denalane übrigens in Leipzig, vor dem dortigen Schloß Delitzsch!“ – Jetzt dreht auch mein Lieblingssender durch. Ein geographisches Tohuwabohu! Und alles wegen der deutschen und nun englisch singenden sowie dabei Erkenntnisse saugenden Soul-Hoffnung.

  Mein überaus geliebter Kollege W., dem ich hier übrigens von Herzen gute Besserung wünsche, spielt manchmal Töne nicht nur schief, sondern sogar falsch. Na, das bringt vielleicht Gefühle rüber!

  Ich selbst vermag sogar, falsche Harmonien in ein Lied einzubauen! An guten Tagen sogar falsche Harmonie-Folgen. – Ein Mann voller Gefühle!

  Im Oktober spielen wir im (und nicht vorm) Schloß in Delitzsch. Das wird ein Test-Spiel. Mal sehen, wie unsere Lieder auf ungarisch rüberkommen. Und vor allem: Vielleicht wagen wir es erstmalig, die Texte auch zu interpretieren. – Ein schräger Gedanke… Voller Soul. Voller Seele. – Leere Säle?

  Im Oktober habe ich aber auch Geburtstag. Nun ratet mal, wessen CD ich nicht geschenkt bekommen möchte? Und gerade die hat Herr R. bestimmt heute in D. kostengünstig für mich erstanden… Schräg!

  Gefühlsechte Grüße von

Jürgen

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